„Spiegel“-Autor beschrieb Orte, an denen er nicht gewesen war.

Die Freude währte nicht lange: René Pfister hält am Freitag den Henri-Nannen-Preis in der Hand.
Die Freude währte nicht lange: René Pfister hält am Freitag den Henri-Nannen-Preis in der Hand.

Die Freude währte nicht lange: René Pfister hält am Freitag den Henri-Nannen-Preis in der Hand.

dpa

Die Freude währte nicht lange: René Pfister hält am Freitag den Henri-Nannen-Preis in der Hand.

Hamburg. Das gab es in der Geschichte des Henri-Nannen-Preises noch nie: „Spiegel“-Journalist René Pfister hatte mit seiner Reportage „Am Stellpult“ über Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer am Freitag den renommierten Preis gewonnen.

Drei Tage nach der Verleihung wurde er ihm wieder aberkannt, weil er nicht alle Orte des Berichts, zum Beispiel Seehofers Eisenbahnkeller, selbst gesehen hatte. Zum siebten Mal hatte das Magazin „Stern“, nach dessen Verleger der Preis benannt ist, die Auszeichnungen bereits vergeben.

Die Jury betonte, dass es aber keinen Zweifel an den Fakten gebe

„Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung zustande gekommen sind oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss“, heißt es in einer Erklärung der Jury. Das Gremium betonte aber zugleich, dass es keinen Zweifel an der Korrektheit von Pfisters Fakten gebe.

Der Journalist selbst hatte bei der Gala am Freitagabend in Hamburg auf die Frage der Moderatorin Katrin Bauerfeind erzählt, dass er den Keller nie persönlich gesehen hatte. Nach kritischen Stimmen zur Vergabe des Reportagepreises hatte sich die elfköpfige Jury am Montag in einer Telefonkonferenz beraten.

Der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Kurt Kister, wie auch „Geo“-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher und „Spiegel“-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron stimmten gegen eine Aberkennung. Die Mehrheit jedoch, darunter „taz“-Chefin Ines Pohl oder Jan-Eric Peters, Chefredakteur der „Welt“, stimmte anders.

Pfisters Chef, der Berliner Büroleiter des „ Spiegel“, Dirk Kurbjuweit, versteht die Aberkennung nicht: Ein Reporter könne oft nicht in allen Situationen dabei sein. Zu einer Geschichte gehörten auch Ereignisse, die zurückliegen, und im politischen Bereich seien die Türen oft verschlossen.

„Dann reden wir mit den Leuten, die hinter den Türen waren“, in diesem Fall Eingeweihte oder Seehofer selbst. René Pfister habe in untadeliger Weise gehandelt. Die Kommunikationswissenschaftlerin Irene Neverla hat dagegen Fehler beim Autor, jedoch auch bei der Jury ausgemacht.

„Die Übergangszone zwischen Fakt und Fiktion“ sei gestattet, „muss aber gekennzeichnet werden“. Die Jury, so kritisierte Neverla, „hätte in diesem Fall den Riecher haben müssen nachzufragen, ob der Reporter wirklich dabei war. Denn die Erzählung von Seehofers Modelleisenbahn gab ein Dabeisein des Reporters vor – was aber extrem unwahrscheinlich war“.

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