Im Kunstpalast wird heute die große Retrospektive des Schweizers Jean Tinguely eröffnet.

Jean Tinguelys „Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia“ von 1987 aus dem Museum Tinguely in Basel steht nun für knapp vier Monate im Düsseldorfer Kunstpalast.
Jean Tinguelys „Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia“ von 1987 aus dem Museum Tinguely in Basel steht nun für knapp vier Monate im Düsseldorfer Kunstpalast.

Jean Tinguelys „Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia“ von 1987 aus dem Museum Tinguely in Basel steht nun für knapp vier Monate im Düsseldorfer Kunstpalast.

Baur, VG-Bild Kunst, Bonn 2016

Jean Tinguelys „Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia“ von 1987 aus dem Museum Tinguely in Basel steht nun für knapp vier Monate im Düsseldorfer Kunstpalast.

Düsseldorf. 25 Jahre nach seinem Tod widmet das Museum Kunstpalast dem herausragenden Schweizer Bildhauer Jean Tinguely (1925 - 1991) in Zusammenarbeit mit dem Stedelijk Museum Amsterdam eine spektakuläre Retrospektive. Der gelernte Schaufensterdekorateur und Autodidakt der Kunst wurde schon 1959 in der Düsseldorfer Galerie Schmela und 1960 von Paul Wember im Krefelder Haus Lange entdeckt. Nun zeigt sich, welche Pionier-Rolle er weit über seinen Tod hinaus in der Kunst der Gegenwart innehalt. Die Gegensätze zwischen kindlichem Spiel und zeitkritischem Totentanz, die heute so gern herbeigewünscht werden, hat kein anderer so genial überbrückt wie er. „Super Meta Maxi“, so der Titel der Schau, wird heute um 19 Uhr im Ehrenhof eröffnet.

„Sie treten die Pedale des Fahrrads, damit Sie das Bild malen.“
Jean Tinguely, Künstler

Tinguely war verspielt und aggressiv zugleich, aber immer erfindungsreich. In den 1940er Jahren entstand ein filigranes Werk aus Drahtgespinsten, die der junge Mann in einer eher untypischen Schweizer Art fummelte, bog, drehte und bastelte. Die Objekte schaukeln nun wie dreidimensionale Zeichnungen durch den Raum und lassen sich an primitiven Drahtkurbeln bewegen.

Am Anfang stand eine Zeichenmaschine aus Schrott

Nach diesem Vorspiel legte er Ende der 1950er Jahre los und fuhr gekonnte Attacken gegen die damals aktuelle informelle Kunst. Nur einen Tag nach dem Ende der zweiten Documenta, die das Künstlergenie feierte, stellte er 1959 zur Jugendbiennale vor das Musée d’Art moderne de la Ville de Paris seine rauchende und lärmende Zeichenmaschine aus nichts als Schrott. Die ließ er sich auch noch vom französischen Industrieminister als Zeichen- und Malapparat patentieren. Das Patent hängt in der Ausstellung.

Der „Cyclograveur“ von 1960 ist das beste Beispiel für das, was er wollte. Es handelt sich um eine Skulptur mit Fahrradantrieb. Die Besucher dürfen den altmodischen Sattel erklimmen und mit den Füßen in die Pedalen treten. Sie setzen ein Räderwerk in Gang, das mit einem dicken, gelben Fettstift verbunden ist. Das Motto dazu lautet: „Sie treten die Pedale, damit Sie das Bild malen.“ Ein altes Plakat hängt überall an Litfaßsäulen und macht Lust auf die Schau.

Der Schelm aus Basel ging im Krefelder Haus Lange noch einen Schritt weiter und steuerte außer 45 Arbeiten auch eine Edition bei, in der sich der Käufer nach einem Baukasten mit Planzeichnung sein eigenes Originalwerk zusammensetzen konnten. Lauter Ohrfeigen waren das gegen eine gefühlsbetonte Kunst.

Der Schelm aus Basel lässt das rote Strumpfbein hüpfen

Ehrenhof 4-5, Düsseldorf. Bis 14. August Dienstag bis Sonntag 11-18, Donnerstag bis 21 Uhr.

100 Arbeiten, Hauptleihgeber Tinguely-Museum.

12/ermäßigt 9,50, bis 17 Jahre ein Euro smkp.de

Sein „Ballett der Armen“ wurde 1961 für die Wanderausstellung „Bewogen Beweging“ entworfen, die in Amsterdam startete und an der auch die Düsseldorfer Zero-Künstler teilnahmen. Wie in alten Zeiten darf die Installation per Knopfdruck in Bewegung gesetzt werden. Dann hüpft das rot bestrumpfte Bein, schlackern die Klamotten, scheppern und klirren die Küchengeräte. Ebenso absurd ist das „Requiem für ein totes Blatt“ (1967). Ein Maschinenpark wird aufgefahren, um ein kleines weißes Blatt zu drehen.

Der Höhepunkt ist das Spätwerk. Im hohen Saal glänzt die Monumental-Skulptur „Große Méta-Maxi-Maxi-Utopia“. Das optische und akustische Spektakel, mit riesigen Rädern, wippendem Karussellpferd und einem kopfüber im Wasserbottich hängenden Gartenzwerg darf über zwei Treppen betreten werden. Nur die stählerne Wendeltreppe wird nicht freigegeben, um die Konstruktion aus Readymade, Dada, Theaterkulissen und Zirkus-Atmosphäre nicht zu gefährden.

In unmittelbarer Nähe, durch einen dunklen Gang getrennt, steht der „Mengele-Totentanz“ von 1986. Die Arbeit hat eine brisante Vorgeschichte. Unweit von Tinguelys Schweizer Wohnort brannte ein altes Bauernhaus in Neybruz bei einem „fürchterlichen, totalen Brand aus“, wie der Künstler es nennt.

Der Totentanz als das große Finale mit der Mengele-Maschine

Sieben Kälber und ein Stier kamen zu Tode, Landmaschinen verschmorten, Dachbalken wurden verbrannt. Als Tinguely die Überreste sammelte, las er auf einer Maismaschine den Namen des Fabrikanten Mengele und war entsetzt. Es stellte sich heraus, dass die Landmaschinenfirma dem Vater und den Brüdern des KZ-Lagerarztes Josef Mengele gehörte.

Tinguely verwandelte die Blechreste zur „schauerlichten Fledermaus“, deren Flügel nun einen Altar bilden. Ins Dunkel getaucht und von Spotlights herausgehoben, ist diese Szenerie ein Beweis, wie das Spiel in Lebensangst umschlagen kann. Die Arbeit entstand, als der Künstler nach einem Herzinfarkt und einer komplizierten Operation 1985/86 kaum genesen war. Zwei Jahre später erlag er einem Herzinfarkt.

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