Die Filmemacherin Margarethe von Trotta zu ihrem Film über die Philosophin Hannah Arendt und die ewige Lust am Anfang.

Interview
Margarethe von Trotta: „Mit jedem Film lerne ich.“

Margarethe von Trotta: „Mit jedem Film lerne ich.“

dpa

Margarethe von Trotta: „Mit jedem Film lerne ich.“

Berlin. Starke Frauen sind Margarethe von Trottas Gebiet. Ihr aktueller Film über die Philosophin Hannah Arendt fügt sich nahtlos in das Werk der deutschen Filmemacherin, die unter anderem „Rosa Luxemburg“ und „Die bleierne Zeit“ gedreht hat. Trotzdem fühle sie sich bei jedem Projekt wie eine Anfängerin, sagt die 70-Jährige. Für den Film „Hannah Arendt“, der am Donnerstag anläuft, hat sie sich mit ihrer Co-Autorin Pam Katz jahrelang eingearbeitet in die Arbeit der Philosophin und die Unterlagen des Prozesses gegen Adolf Eichmann, einen der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden durch die Nazis.

Frau von Trotta, warum gab es bisher keinen Film über Hannah Arendt?

Margarethe von Trotta: Ja, das wundert mich auch. Allerdings gibt es über die wenigsten Philosophen Filme, und dann ist sie auch noch eine Frau. Viele schrecken zurück, weil es nicht nach einem Kassenschlager klingt. Und es sind Themen, in die man sich unglaublich intensiv einarbeiten muss. Mit „schnell, schnell“ kommt man nicht weiter.

Warum hat Sie das nicht abgeschreckt?

Von Trotta: Mir macht das ja auch Spaß. Ich liebe es, die ewige Studentin zu sein. Mit jedem Film lerne ich, und es kommt noch etwas dazu. Am Anfang wollten wir einen Film über ihr Leben machen, nach und nach kam der Prozess in den Vordergrund. Eichmann zu sehen, das nimmt einen einfach mit. Seine ganze grauenhafte Mittelmäßigkeit. Wer die Bilder sieht, kommt eigentlich zum selben Ergebnis wie Hannah. Wie sie muss man einfach über ihn lachen, wenn er im Prozess sagt „Ich werd’ hier gegrillt wie ein Rumpsteak“.

Die Philosophin und Politologin Hannah Arendt (1906-1975) stammte aus einem liberalen jüdischen Elternhaus bei Hannover. In den 20er Jahren studierte sie Philosophie und Theologie. Vor den Nationalsozialisten floh sie zuerst nach Frankreich, dann in die USA. Dort arbeitete sie als Lektorin, Wissenschaftlerin und Journalistin.

Aufsehen erregte Arendt mit ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, in dem sie die strukturelle Gleichheit von Faschismus und Stalinismus analysierte. 1961 lösten Arendts Berichte über den Eichmann-Prozess in Jerusalem heftige Kontroversen aus. Sie beschrieb in ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“ den NS-Verbrecher Adolf Eichmann nicht als Monster, sondern als normalen Spießbürger und Bürokraten.

Können Sie nachempfinden, wie sich Hannah Arendt gefühlt hat, nachdem ihre Artikel für den „New Yorker“ zu überaus heftigen Kontroversen geführt hatten.

Von Trotta: Man kann sich gar nicht vorstellen, wie scharf sie von allen Seiten angegriffen wurde. Das möchte ich nicht durchmachen. Ich habe auch schon viele schlimme Sachen erlebt, die gegen mich geschrieben worden sind, aber das war extrem. Sie hat das nicht kommen sehen. Arendt hatte einen intellektuellen Diskurs erwartet und nicht diese persönliche Betroffenheit. Sie war schockiert, dass ihr Ton so missverstanden wurde. Oder auch, dass sie nicht einschätzen konnte, wie verletzend er auf andere wirken könnte.

„Zuhause stand sie mit der Schürze in der Küche“

Hat Arendt das wegen der Unterstützung durch ihren Mann Heinrich Blücher durchgestanden?

Von Trotta: Absolut. Er war der wichtigste Mann in ihrem Leben. Deshalb haben wir ihre Liebesgeschichte mit Martin Heidegger auch nur angekratzt. Blücher war der Lebensgefährte, der immer zu ihr hielt, der ihr Zuhause war. Wenn zwei zusammen im Exil sind und durch die gleichen Erfahrungen gingen, haben sie eine ganz spezielle Verbindung. Da konnte doch der Heidegger gar nicht mithalten.

In den Szenen mit Blücher wirkt Hannah Arendt sehr sanft.

Von Trotta: So haben das mehrere Leute erzählt. Für ihn war sie zuhause auch die perfekte Hausfrau. Er war ein Macho, aber das liebte sie ja. Eine Bekannte, die häufig bei ihr zu Besuch war, erzählte, dass Hannah meist mit der Schürze in der Küche stand.

Was war Ihnen das Wichtigste?

Von Trotta: Es war uns wichtig zu zeigen, was es bedeutet, selbstständig zu denken. Sie liegt dann mit offenen Augen auf der Couch, um zu denken. Niemand darf sie dabei stören. Und dann wird sie wieder zu dieser energischen Kämpferin.

Gehört dieser Film zu Ihren schwierigsten?

Von Trotta: Na ja, ich habe bei jedem Film das Gefühl, ein Anfängerlein zu sein. Bei Rosa Luxemburg war ich bei der Recherche zwei Jahre krank vor Angst, der Person nicht gerecht zu werden. So war es hier auch. Aber je mehr man leidet, desto wichtiger wird es einem. Das ist ein bisschen wie in der Liebe.

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