Das Lehmbruck-Museum wollte eine Schau zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs zusammenstellen. Bei den Vorbereitungen ahnte niemand, welche aktuelle Bedeutung die Werke haben würden.

Ausstellung
„Hot Spot“ von Mona Hatoum aus dem Jahr 2006 steht unter Hochspannung.

„Hot Spot“ von Mona Hatoum aus dem Jahr 2006 steht unter Hochspannung.

„Hot Spot“ von Mona Hatoum aus dem Jahr 2006 steht unter Hochspannung.

Lehmbruck-Museum, Bild 1 von 2

„Hot Spot“ von Mona Hatoum aus dem Jahr 2006 steht unter Hochspannung.

Duisburg. Ein riesiger Globus aus Stahldraht. Mit roten Leuchtstoffröhren erstrahlen darauf die Kontinente. Gerade so als befänden sie sich in der Schwebe. Erst auf den zweiten Blick flößt die Skulptur mit dem Titel „Hot Spot“ der aus dem Libanon stammenden Mona Hatoum Schrecken ein. Steht sie doch unter Hochspannung. Der Tod schwingt immer mit. Das vorgespielte Gleichgewicht ist nicht von Dauer. Schnell kann es damit vorbei sein, das System kollabieren.

Lehmbrucks „Der Gestürzte“ gilt als Schlüsselwerk der Antikriegsplastik

Derzeit werden auf der Welt 43 bewaffnete Konflikte ausgetragen. Kriege werden nicht mehr nur zwischen Nationalstaaten geführt. Ob im Gaza-Streifen, im Irak, in Libyen oder in der Ukraine. Als das Lehmbruck Museum in Duisburg seine Ausstellung „Zeichen gegen den Krieg“ konzipierte, ließ sich nicht erahnen, wie aktuell sie sein würde. Ursprünglich sollte es eine kleine Schau aus Anlass des sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährenden Ausbruchs des Ersten Weltkrieges werden und um den Namenspatron des Hauses gehen.

Ist „Der Gestürzte“ (Foto unten) von Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) doch eine Art Schlüsselwerk der Antikriegsplastik. 1916 beim Wettbewerb für ein Heldendenkmal auf dem Duisburger Kaiserberg eingereicht, fiel die Skulptur durch. Der gefallene, auf Knien kriechende Krieger entsprach so gar nicht dem Helden-Ideal der wilhelminischen Zeit.

Bei der Vorbereitung aber wurde den Machern schnell klar, dass das Thema mehr hergibt. Und so sind in Duisburg jetzt Werke von 21 Künstlern zu sehen. Vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart spannt sich der Bogen. Arbeiten aus dem Besitz des Hauses wurden mit Leihgaben vorbildlich ergänzt. Viele der Künstler haben kriegerische Konflikte in ihrer Heimat selbst erlebt.

Wie der 1979 aus Vietnam geflohene Danh Vo. Auch er spielt mit seiner symbolträchtigen Arbeit auf die Fragilität des Weltfriedens an. Für sein Projekt „We The People“ hat er die New Yorker Freiheitsstatue im Maßstab 1:1 nachgebaut. Zerlegt in 300 Teile (auch das Original setzt sich aus 300 Teilen zusammen) schickt er die Kupferelemente in die Welt. Fünf von ihnen sind in Duisburg zu sehen. Aufgestellt im zentralen Raum muten sie wie abstrakte Skulpturen an. In Chicago, Paris, Bozen und Mainz sind weitere Fragmente zu sehen. Nur wenn alle dafür Sorge tragen, lässt die Freiheit sich weiterhin gewährleisten.

Die Ausstellung gibt reichlich Denkanstöße

Die Ausstellung „Zeichen gegen den Krieg. Antikriegsplastik von Lehmbruck bis heute“ ist Teil des Verbundprojektes „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“, mit welchem der Landschaftsverband Rheinland in 14 Ausstellungen an den Beginn des Ersten Weltkrieges erinnert. Sie ist ab sofort im Lehmbruck Museum in Duisburg, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, zu sehen.

Mi, Fr, Sa von 12-18 Uhr, Do von 12-21 Uhr, So 11-18 Uhr, bis zum 7. Dezember.

Auf die Eigenverantwortung verweist ebenso die Arbeit „America’s Finest“ der Amerikanerin Lynn Hershman Leeson. Besucher können durch den Sucher eines Sturmgewehres ein Ziel anpeilen. In dem Moment, in dem sie den Abzug drücken, erscheint ihr eigenes Bild im Fadenkreuz. Sie werden vom Jäger zum Gejagten. Die Ausstellung gibt mit ausgewählten Positionen reichlich Denkanstöße. Mal plakativ, wie bei Bruce Naumann, der mit Neonröhren „War“ an die Wand schreibt, den Betrachter durch das Aufleuchten der Dioden rückwärts aber „Raw“ lesen lässt. Krieg ist roh! Ein andermal sehr viel subtiler wie bei Wolf Vostells B 52 Bomber, der im Vietnamkrieg statt Bomben Dauerlutscher abwirft. Sind die Errungenschaften der westlichen Welt für die fernöstliche Kultur nicht auch irgendwie gefährlich? Bemerkenswert ist ebenso die Geschichte hinter Duane Hansons „War (Vietnam-Piece)“. Der Amerikaner zeigt lebensgroß fünf gefallene Soldaten in klassischen Kriegerposen. Patronen und Handgranaten fehlen. Es heißt, der deutsche Zoll habe sie bei der Einreise des Kunstwerks konfisziert. Ein bisschen überambitioniert. Aber kann man den Slogan „Nie wieder Krieg“ überhaupt zu ernst nehmen?

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