Grass wurde mit „Die Blechtrommel“ weltbekannt, erhielt 1999 den Literatur-Nobelpreis und nimmt gern Anstoß.

Geburtstag
Günter Grass findet auch mit 85 Jahren genügend Anlässe, sich politisch einzumischen.

Günter Grass findet auch mit 85 Jahren genügend Anlässe, sich politisch einzumischen.

dpa

Günter Grass findet auch mit 85 Jahren genügend Anlässe, sich politisch einzumischen.

Lübeck. Er ist ein Jahrhundert-Dichter, auch wenn die literarische Qualität seit längerem leicht welkt, und er ist wie Thomas Mann und Hermann Hesse ein Nationaldichter, auch wenn Günter Grass den Begriff nie hören mochte.

Im Leben und Werk des bei Lübeck lebenden Schriftstellers, der am Dienstag 85 Jahre alt wird, spiegelt sich die jüngere deutsche Geschichte – mit ihren Brüchen und Kontroversen, mit Versagen und Sternstunden. Wenige polarisieren und provozieren wie er – gerade wieder mit seinem neuen Lyrikband „Eintagsfliegen“, in dem er einen in Israel zu 18 Jahren Haft verurteilten Nukleartechniker, der Israels Atomprogramm publik machte, als „Held“ preist. Aber wenige müssen auch so viel einstecken wie Grass, den Israel im April wegen des kritischen Gedichts „Was gesagt werden muß“ zur unerwünschten Person erklärte.

Den Literaten hat Deutschland immer gut leiden gemocht. Grass schreibt schließlich opulent und mit barocker Fabulierlust. Der präzise Blick aufs Gesellschaftliche hindert nicht seinen Spaß an schrägem Personal und fantastischen Einsprengseln, an Unkenrufen, Butt-Geflüster und der Strebsamkeit der Schnecke.

1959 veröffentlicht er seinen wegweisenden Debütroman „Die Blechtrommel“, 40 Jahre später erhält er dafür den Literatur-Nobelpreis – das Buch stehe für die Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert, sagte Horace Engdahl, Sekretär des Nobelpreiskomitees, 1999.

Grass nimmt sich immer wieder das Wort, das nimmt das Land übel

Grass, der als Steinmetz und Bildhauer in Düsseldorf angefangen hat, überführt seine Kunst in viele ansehnliche Formen. Er zeichnet und dichtet, er aquarelliert und meißelt – Skulpturen wie Romane. Literatur und bürgerliches Engagement sind für ihn aber eins, und das macht das Verhältnis zum Land schon schwieriger.

Die Ein-Mann-Partei namens Grass nimmt sich immer wieder das Wort, oft notwendig, manchmal penetrant: In den 1950er bis 1970er Jahren bekämpft er die von Altnazis durchwirkte Nachkriegsgesellschaft. Der langjährige Wahlkämpfer für Willy Brandt tritt 1992 aus der SPD aus wegen der Asylrechtsänderung. Grass setzt sich für verfolgte Autoren ein, er wettert gegen Vertriebenenverbände, er liest gegen Atomenergie und schreibt für Respekt gegenüber dem krisengebeutelten Griechenland.

So laut er anderen die Leviten liest, so still verbirgt er, dass er 1944 als 17-Jähriger bei der Waffen-SS war. Erst nach 60 Jahren schreibt er darüber erstmals in seinem autobiografischen Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) – aus Scham habe er so lange geschwiegen, sagt er.

„Das Land, dem ich verhaftet bin, notfalls als Splitter im Auge“

In kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, der Vater war Kolonialwarenhänder in Danzig, pflegt Grass heute eine großbürgerliche Attitüde und kultiviert das Familienleben eines Clans mit acht Kindern und 17 Enkeln.

Und am Ende steht doch das Versöhnliche. Denn „Trotz allem“ liebt Grass Deutschland, wie er in dem gleichnamigen Gedicht in seinen „Eintagsfliegen“ bekennt – trotz Waffenexporten und sozialen Auseinanderdriftens: „Nach Liebe dürstendes Land,/dessen Bewohner nicht müde werden,/vernarbte Wunde zu lecken./Meiner Liebe gewisses Land,/ dem ich verhaftet bin,/notfalls als Splitter im Auge.“

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