Regisseur Tom Tykwer erklärt, wieso sein neues Werk „The International“ in diese Zeiten passt.

Ein Wuppertaler auf dem Sprung nach Hollywood: Tom Tykwer bei der Berlinale.
Ein Wuppertaler auf dem Sprung nach Hollywood: Tom Tykwer bei der Berlinale.

Ein Wuppertaler auf dem Sprung nach Hollywood: Tom Tykwer bei der Berlinale.

dpa

Ein Wuppertaler auf dem Sprung nach Hollywood: Tom Tykwer bei der Berlinale.

Berlin. Mit seinem Film "The International" eröffnete Tom Tykwer am vergangenen Donnerstag die Berlinale. Doch wie hochaktuell sein Thriller, der sich um Intrigennetzwerke in der Welt der Hochfinanz dreht, im Februar 2009 plötzlich sein würde, ahnte der 43-jährige Filmemacher bis kurz vor der Premiere auch nicht. Ein Gespräch über die seltsame Doppelung von Fiktion und Realität, müßige Fragen in der aktuellen Finanzdebatte und warum Hollywood ihn nicht in die Knie zwingen konnte.

Herr Tykwer, ist es eher Druck oder Ehre, die Berlinale eröffnen zu dürfen?

Tykwer: Die Formel ist: Ehre + Druck = Panikattacke. (lacht) Nein, eigentlich stimmt das gar nicht. Ich bin insgesamt relativ gelassen, obwohl der Puls natürlich ansteigt, wenn plötzlich das Licht ausgeht und du den Film endlich mit einem großen Publikum in einer offiziellen Situation siehst. Aber ich mache mir deshalb keinen allzu großen Kopf, weil ich den Film persönlich sehr gelungen finde. Es hört sich vielleicht ein bisschen komisch an, wenn ein Regisseur das von seinem eigenen Werk behauptet, aber ich würde mir ein Ticket dafür kaufen und wäre danach auch nicht sauer.

Ihre fiktive Geschichte deckt sich auf erschreckende Weise mit den Skandalen der Finanzkrise. Etwas Besseres hätte Ihrer Marketing-Abteilung nicht passieren können, oder etwa nicht?

Tykwer: Ich empfinde es nach all den Debatten inzwischen eher ein bisschen als Bürde, dass der Film ein Statement zur aktuellen Zeit abgeben soll.

Tom Tykwer wurde 1965 in Wuppertal geboren und lebt seit 1988 in Berlin.

Die Tödliche Maria" (1993), "Winterschläfer" (1997), "Lola rennt" (1998), "Der Krieger und die Kaiserin" (2000), "Das Parfüm - Die Geschichte eines Mörders" (2006), "The International" (2009).

Also ist diese Überschneidung von Fiktion und Realität wirklich nur Zufall?

Tykwer: Wir haben uns bei diesem Film an dem Genre der Paranoia-Thriller und Politkrimis orientiert. Insofern hofft man natürlich, eine spannende Geschichte in einem Gesamtzusammenhang zu erzählen, der wirklich relevant ist. Aber dass das Thema gleich so aktuell geworden ist, finde ich eher beunruhigend. Meine Motivation war also keinesfalls, den Film zur Krise zu machen. Ich habe immerhin bereits vor sechs Jahren mit meiner Arbeit begonnen, und damals waren die aktuellen Ereignisse nicht abzusehen.

"Ich durfte genau den Film machen, von dem ich geträumt habe."

Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie plötzlich merkten, dass die Realität Ihre fiktive Geschichte eingeholt hat?

Tykwer: Ich habe wie viele andere in letzter Zeit verstärkt damit gerechnet, dass die Blase irgendwann platzt. Je mehr ich im Zuge meiner Recherche herausfand, desto offensichtlicher wurde es für mich, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, bis uns alles um die Ohren fliegt.

Wie könnte sich die Krise auf die Filmindustrie auswirken?

Tykwer: Meiner Meinung nach wird diese Branche davon halbwegs verschont bleiben, weil in Zeiten starker Verunsicherung unsere Sehnsucht nach dem illusionären Schutzraum des Kinos wächst. Aber auch damit beschäftige ich mich nicht so wirklich, weil ich fest davon überzeugt bin, dass interessante und gut gemachte Filme immer ihr Publikum finden, ganz unabhängig von einer Krise.

Es heißt, "The International" ist Ihr erster Hollywood-Film. Stimmt das wirklich?

Tykwer: Es ist zumindest mein erster Film, der komplett von einem amerikanischen Filmstudio produziert wurde. Bei "Heaven" und "Das Parfüm" konnte ich ja bereits einiges an internationaler Luft atmen, nur kamen die Gelder da aus verschiedenen Co-Finanzierungen.

War es schwieriger, dieses Mal unter dem Diktat der Traumfabrik zu arbeiten?

Tykwer: Meine Arbeit war so frei wie eh und je. Ich halte es auch für einen Mythos, dass Hollywood seinen Filmemachern oft kategorisch die Handschellen anlegt. Ich zumindest durfte genau den Film machen, von dem ich geträumt habe - und ich denke, dass man das auch merkt.

Sie durften wieder mit Ihrem festen Team arbeiten?

Tykwer: Ich bin kein Einzelgänger. Wer mich anfragt, weiß eigentlich, dass ich seit zwanzig Jahren mit einem sehr engen Team an einer eigenen Filmsprache arbeite.

Wieso hat Clive Owen als Hauptdarsteller so gut in Ihre Bildsprache gepasst?

Tykwer: Weil er für mich der essentielle Gegenwartsheld ist. Für mich ist seine Karriere auf diese Art von Rollen zugelaufen. Er kann intelligente, aber eben auch gebeutelte, attraktive, gestresste, widersprüchliche und total faszinierende Helden spielen. Er ist für diese Art von Film geboren, denn er schafft es, Verletzlichkeit, aber auch Empörung und Wut authentisch rüberzubringen.

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