Wim Wenders folgt in seinem bildintensiven Film der Arbeitsweise der Choreografin.

Film
Kraftakt in der Wagenhalle der Wuppertaler Schwebebahn: Azusa Seyama (vorn) und Fabian Prioville (Oberarme).

Kraftakt in der Wagenhalle der Wuppertaler Schwebebahn: Azusa Seyama (vorn) und Fabian Prioville (Oberarme).

Ditta Miranda Jasjfi springt in dem Stück „Vollmond“ aus dem Wasser.

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Kraftakt in der Wagenhalle der Wuppertaler Schwebebahn: Azusa Seyama (vorn) und Fabian Prioville (Oberarme).

Wuppertal/Berlin. Es ist so schön, wie die Tänzerinnen in ihren pastellorangen Kleidern über den Torf auf der Bühne wehen. Es ist so traurig, wie sich diese Frauen vor der Gruppe Tänzer fürchten, sie fliehen, sie flehen, sie hoffen.

Mit Szenen aus Pina Bauschs „Sacre du printemps“ („Frühlingsopfer“ von 1975) beginnt Wim Wenders seine Liebeserklärung an die große Choreografin.

Der Tanzfilm entfaltet sich als spektakuläres Augenfest, dem man selten anmerkt, welchen außergewöhnlichen Spannungen er in seiner Entstehung ausgesetzt war – vor allem natürlich durch den plötzlichen Tod von Pina Bausch am 30. Juni 2009. Auch an die Technik musste sich das Filmteam heranarbeiten, weil es für bewegungsintensive Szenen in 3D kaum Erfahrungen gab.

Erstaunlich ist insbesondere, was Wim Wenders alles nicht tut

Das Experiment ist gelungen: Hautnah scheint man an die Tänzer heranzukommen, hört sie keuchen, sieht die Körperspannung auch bei denen im Hintergrund – was auch den letzten Zuschauer von dem Irrglauben kurieren dürfte, hier wäre irgendeine Bewegung improvisiert.

Erstaunlich ist insbesondere, was Wenders alles nicht tut: Kein Interview mit Pina Bausch, kaum Aufnahmen von Proben, gerade mal eine Handvoll liebevoll ausgewählter Filmschnipsel – Pina mit Zöpfen, mit Mütze, als überragende Tänzerin in „Café Müller“. Ansonsten lässt er ihr Werk für sie sprechen. Wer das nicht kennt, wird zwar auch in den Bildern schwelgen, aber stellenweise an Verständnisgrenzen stoßen.

„Es war so schön, eine ältere Tänzerin bei Pina zu sein“

Der Film von Wim Wenders (Foto: dpa) wurde gestern Abend bei seiner Premiere auf der Berlinale gefeiert.

„Pina“ hat am 21. Februar in der Lichtburg Essen, Kettwiger Str. 36, NRW-Premiere. Am 22. Februar läuft der Film im Wuppertaler Cinemaxx um 20 Uhr in drei Kinosälen parallel an, ab 24. Februar ist er bundesweit in den Kinos zu sehen.

Der Regisseur folgt ihrer Methode, befragt die Tänzer, so wie auch die Choreografin sie befragt hat. Bewegend ist, wie innig langjährige Mitglieder des Ensembles wie Dominique Mercy, Jo Ann Endicott, Helena Pikon und Nazareth Panadero über sie sprechen:

„Es war so schön, eine ältere Tänzerin bei Pina zu sein. Ab 40 habe ich gedacht: Es ist so viel Raum. Sie sieht das, was wir Schönes finden, und macht daraus etwas noch Schöneres.“ Respektvolle Distanz hingegen bei den Jüngeren: „Ich hatte Angst vor dem, was sie sieht, weil ich es noch nicht kenne.“

Dann tut Wenders etwas, was Pina Bausch nie getan hat: Er geht mit den Tänzern in die Stadt, lässt sie unter der Schwebebahn umeinander kreisen, in der Bahn virtuos ein Kopfkissen malträtieren.

Eine Frau zeigt Spitzentanz vor einer verrottenen Industrie-Anlage, ein Paar tanzt in der Schwimmoper, während dahinter Badende ihre Bahnen ziehen, die Müngstener Brücke und der Skulpturenpark geben prächtige Hintergründe ab. Eine stumme Rolle für Mechthild Großmann ist auch dabei.

„Auf eine mysteriöse Art und Weise schien an jedem Drehtag die Sonne“

Wuppertal wirkt in diesen Szenen wie verzaubert, da kann der Verkehr ruhig tosen und der Putz blättern. Mit Rührung erinnert sich Wenders in einem Interview daran, wie Pina Bausch ihn oft gewarnt habe, Wuppertal sei keine „Sonntagsstadt“.

Doch beim Dreh habe das ganz anders ausgesehen: „Auf eine mysteriöse Art und Weise schien an jedem unserer Drehtage in der Stadt die Sonne. Es war unfassbar, Wuppertal ist sonst eher verregnet. Kaum haben wir gedreht, schien die Sonne. Ob Pina da dran geschraubt hat? Ich weiß es nicht.“

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