Porträt: Claude Chabrol, schonungsloser Altmeister im Entlarven der bürgerlichen Gesellschaft, wird heute 80 Jahre alt.

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Der Meister mag Scherze: Claude Chabrol mit seiner Berlinale-Kamera.

Der Meister mag Scherze: Claude Chabrol mit seiner Berlinale-Kamera.

dpa

Der Meister mag Scherze: Claude Chabrol mit seiner Berlinale-Kamera.

Paris. Über das Alter macht sich Claude Chabrol lustig, und für Karriere hat der französische Regisseur auch nicht viel übrig. "Triumphe sind der Tod eines Filmemachers. Ich hatte schöne kleine Erfolge", zieht er Bilanz. Vielleicht liegt in dieser Bescheidenheit die cinematografische Langlebigkeit des Altmeisters begründet, der heute 80 Jahre alt wird und in Deutschland so bekannt ist wie kaum ein anderer französischer Regisseur.

Seit mehr als 40 Jahren macht er Filme, in denen er schonungslos hinter die Fassade der bürgerlichen Gesellschaft und tief in menschliche Abgründe blickt. Auch im hohen Alter macht er seinem Ruf als Workaholic alle Ehre: Nach "Kommissar Bellamy", der 2009 auf der Berlinale zu sehen war, läuft in diesem Jahr seine Maupassant-Verfilmung als Serie im französischen Fernsehen.

Er sollte die Familientradition fortführen und Apotheker werden

Die Bourgeoisie, deren Scheinheiligkeit und Zynismus er unermüdlich anprangert, kennt Claude Chabrol aus eigener Anschauung, denn er stammt aus einer alteingesessenen katholischen Apothekerfamilie. Er sollte die Tradition fortführen, begann auch seinem Vater zuliebe, Pharmazie und Literaturwissenschaft zu studieren. Die Pariser Filmhochschule hatten ihm die Eltern verboten, also wurde er in den 50er Jahren zunächst Filmkritiker der Fachzeitschrift "Cahiers du cinéma".

Er fing mit dem Filmen an, weil "wir nicht wussten, wohin mit dem Geld"

Doch das Schreiben reichte ihm nicht. Außerdem konnte er sich dank des Vermögens seiner ersten Frau Agnès die Filmarbeit auch leisten. "Sie stammte aus reichem Haus, und wir haben im Grunde nichts anderes gemacht, als dekadente Partys zu veranstalten. Als sie dann auch noch ihre Oma beerbte, wussten wir gar nicht, wohin mit dem Geld", erzählte er über seine Anfänge.

1958 präsentierte er auf dem Festival von Locarno seinen ersten Film "Die Enttäuschten". Chabrol sagte später, er habe dessen Erfolg bedauert, denn das habe ihn "gezwungen", mit dem Filmen weiterzumachen.

Claude Chabrol, geb. am 24.Juni 1930 und von 1964 bis 1980 mit der Schauspielerin Stéphane Audran verheiratet, drehte u.a.: "Das Biest muss sterben" (1969); "Violette Nozière" (1978); "Fantomas" (1979); "Die Fantome des Hutmachers" (1982); "Das Blut der Anderen" (1984); "Masken" (1986); "Eine Frauensache" (1988); "Biester" (1995); "Die Blume des Bösen" (2003).

Seither macht er in seinen Produktionen nichts lieber, als Unaufrichtigkeit, Falschheit, Engstirnigkeit und Egoismus des Bürgertums zu entlarven. Daraus zaubert er hintergründige Provinz- und Familiendramen - gern mit dem ein oder anderen Inzest oder Mord angereichert. Sein Blick ist mal ironisch, mal melancholisch, aber immer gnadenlos. Mehr als 60 Kinofilme hat er gedreht, mehr als seine Vorbilder Fritz Lang und Alfred Hitchcock.

Chabrol gehörte vor gut 50Jahren mit François Truffaut, Eric Rohmer und Jean-Luc Godard zu den Begründern der Nouvelle Vague, die sich gegen das etablierte, verkrustete und angepasste Kino wehrte. Über all die Jahrzehnte hat er sich an seinem Lebensthema, dem klassischen Gesellschaftsdrama, gerieben. Erst in den jüngsten Filmen wirkt es, als habe die Bürgerlichkeit den Freund guten Essens mittlerweile eingeholt, als habe sich einiges abgeschliffen: Seine Boshaftigkeit wirkt nun manchmal seltsam abgeklärt.

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