Die Regisseurin Doris Dörrie über das Glück, das im Augenblick wohnt, und Kollegen, die nur noch für Festivals drehen.

Interview
Doris Dörrie: „Ich möchte nicht, dass mein Publikum einschläft.“

Doris Dörrie: „Ich möchte nicht, dass mein Publikum einschläft.“

Tim Brakemeier

Doris Dörrie: „Ich möchte nicht, dass mein Publikum einschläft.“

Frau Dörrie, Glück ist eine subjektive und relative Größe. Machen wir es zu oft an materiellen Dingen fest?

Dörrie: Tun wir das? Wir haben wohl ein großes, leeres Loch im Inneren, das wir versuchen zu stopfen durch Konsum und materielle Dinge. Aber wir wissen doch alle insgeheim, dass sich das Glück dem komplett entzieht und verweigert.

Die beiden Hauptfiguren in Ihrem Film „Glück“ besitzen nichts. Er lebt auf der Straße, sie kommt aus einem Kriegsgebiet nach Berlin und prostituiert sich. Ist es leichter, das Glück zu finden, wenn man nichts hat?

Dörrie: Sicher sind die beiden talentierter für den Augenblick, weil sie so wenig haben. Das sieht man auch oft in anderen Ländern, die bedrohter sind als Deutschland und wo mehr Gewalt passiert. Da haben die Leute ein viel größeres Gespür für die Kostbarkeit des Augenblicks. Das heißt, unser ständiges Gequatsche über Glück und unsere Glücksratgeber sind auch ein Gradmesser dafür, dass wir es uns leisten können, so viel über unser Glück zu reden.

Manche versuchen, Ihr Glück zu planen und akribisch darauf hinzuarbeiten. Funktioniert das?

Doris Dörrie, geb. 26. Mai 1955 in Hannover, hat in den USA Schauspiel, Film und Drama studiert. Bekannt wurde die Regisseurin 1985 durch ihre Beziehungskomödie „Männer“. Dörrie schreibt auch Romane und Kurzgeschichten, zudem inszeniert sie Opern. Sie hat eine Tochter mit dem 1996 verstorbenen Kameramann Helge Weindler. Aktuell ist sie mit dem Filmproduzenten Martin Moskowitz liiert. Dörrie lebt in München.

Ihr jüngster Film „Glück“ ist nach der gleichnamigen Erzählung von Bestsellerautor Ferdinand von Schirach entstanden. Das Mädchen Irina (Alba Rohrwacher) verschlägt es nach traumatischen Kriegserfahrungen nach Berlin. Sie hält sich mit Prostitution über Wasser und findet  in dem jungen Punk Kalle (Vinzenz Kiefer) einen Halt. Doch dann wird ihre Beziehung auf eine grauenhafte Probe gestellt. „Glück“ läuft am kommenden Donnerstag in den Kinos an.

Dörrie: Nein, aber das glauben wir immer. Wir haben uns angewöhnt zu sagen: „Wenn ich das und das mache, dann werde ich glücklich.“ Natürlich haben wir den Luxus, dass wir grundsätzlich in einer relativen Planbarkeit leben. Man kann davon ausgehen, dass ich im Sommer Ferienpläne machen kann und dass nicht vorher ein Staatscoup oder etwas anders Schreckliches passiert, das den Plan zunichte macht. Das Glück aber hat diese Planbarkeit nicht so gerne. Glück findet wohl nur in der Gegenwart statt, es gibt keinen anderen Aufenthaltsort dafür.

Sie ersparen dem Zuschauer weitgehend Szenen, in denen Ihre Heldin als Prostituierte Kunden empfängt. Man hört sie nur sagen, sie würde gerne einige von denen umbringen. Das, was ihr Glück stören könnte, lassen sie also weg.

Dörrie: Aber das wissen Sie doch alles, ich muss doch nicht zum hundertsten Mal wiederholen, was in unzähligen Filmen über Prostitution erzählt wird. Ich habe ja auch vor vielen Jahren einen Film darüber gedreht, „Paradies“ hieß der. Und ich möchte auch nicht moralisch sein. Sie erledigt den Job sehr lakonisch, und so ist das auch, da kenne ich mich gut genug auf dem Strich aus. Ich weiß, dass diese Arbeit nicht per se als unangenehm und widerwärtig wahrgenommen wird. Da wird kein Brimborium drum gemacht. Und das wollte ich auch nicht.

Hat sich Ferdinand von Schirach, der mit seiner Fallgeschichte die Vorlage geliefert hat, in Ihre Dreharbeiten eingemischt?

Dörrie: Nein, das durfte er nicht. Ich habe ihm erklärt, dass das bei mir nicht geht, ich das Drehbuch alleine schreiben muss und ihm dann den fertigen Film zeigen würde. Und darauf hat er sich eingelassen. Und war sehr glücklich mit dem fertigen Film. Das ist ein großes Kompliment für mich.

„Glück“ lief auf der Berlinale. Sie haben sich dort kritisch über die Filmauswahl im Wettbewerb geäußert. Was machen Sie anders als die Auserwählten?

Dörrie: Ich möchte nicht, dass mein Publikum einschläft. Ich kann mich doch bemühen, so interessant und unterhaltsam und spannend zu erzählen, wie es eben geht. Ob ich das schaffe, ist eine andere Frage. Aber ich möchte das Kino als Ort für den Film nicht aufgeben. Viele Filme sind nur noch auf Festivals zu sehen und schaffen nie mehr den Weg ins Kino. Ich möchte nicht im Museum landen und Filme nur fürs Festival drehen. Ich finde das blöd.

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