65. Berlinale - Silberner Bär
Daniel Brühl überreicht Charlotte Rampling den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Foto: Michael Kappeler

Daniel Brühl überreicht Charlotte Rampling den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Foto: Michael Kappeler

Silberner Bär (Alfred-Bauer-Preis): Regisseur Jayro Bustamante mit Maria Telon (l) und Maria Mercedes Coroy. Foto: Tim Brakemeier

Wim Wenders und seine Ehefrau Donata. Foto: Britta Pedersen

Die französische Schauspielerin Audrey Tautou entzückt auf dem roten Teppich. Foto: Kay Nietfeld

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Daniel Brühl überreicht Charlotte Rampling den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Foto: Michael Kappeler

Berlin (dpa) - Starkes Symbol für die Meinungsfreiheit: Der Goldene Bär geht an den mutigen Iraner Jafar Panahi. Trotz Verbots drehte der Regisseur heimlich die Komödie «Taxi», die am Samstag bei den 65. Berliner Filmfestspielen mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde.

Auf unbekannten Wegen wurde Panahis halbdokumentarischer Film über das schwierige Leben in Teheran zur Berlinale geschmuggelt. Der Regimekritiker, der einem Arbeits- und Ausreiseverbot unterliegt, durfte nicht zum Festival kommen. Seine zehnjährige Nichte Hana Saeidi, die im Film mitgespielt hatte, nahm den Preis für ihren Onkel unter Tränen entgegen.

Die Auszeichnung ist eine Solidaritätsbekundung für Panahi und alle anderen in vielen Ländern der Welt verfolgten Künstler. Die Jury unter Vorsitz von US-Regisseur Darren Aronofsky («Black Swan») zeichnete mit «Taxi» gleichzeitig aber auch einen raffiniert inszenierten Film aus, der seine politische Aussage mit doppelbödigem Witz und sanfter Melancholie verbindet.

«Natürlich bin ich glücklich, sowohl für mich als auch für die iranische Filmindustrie», sagte Panahi am Sonntag der iranischen Nachrichtenagentur ILNA. Aber auch: Er wäre glücklicher, wenn er wieder im Iran vernünftig arbeiten und seine Filme bei iranischen Filmfestivals zeigen dürfte.

Die mit gleich drei Filmen im Bären-Rennen gestarteten Deutschen mussten sich mit einem «Trostpreis» begnügen. Für seine Nonstop-Kamera bei Sebastian Schippers in Echtzeit und ohne Schnitt gedrehtem Berliner Bankräuber-Drama «Victoria» erhielt der aus Norwegen stammende Sturla Brandth Grøvlen einen Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung.

Die beiden Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung bekamen verdient die Briten Charlotte Rampling und Tom Courtenay für ihre Darstellung in dem leisen Ehedrama «45 Years» von Andrew Haigh. «Ich werde nicht weinen, und auch nicht so viele "danke, danke, danke" sagen», meinte Rampling. «Ich habe das erste Mal von Berlin gehört, als ich sehr klein war, denn mein Vater war hier 1936 und er hat eine Goldmedaille bei den Olmypischen Spielen gewonnen. Ich bin ziemlich wettbewerbsorientiert und ehrgeizig und wollte den Staffelstab übernehmen und auch etwas gewinnen in Berlin. Und hier bin ich!»

Bei der Jubiläums-Berlinale machten vor allem kleinere Produktionen mit politischer Aussage das Rennen - während die Kino-Altmeister Terrence Malick, Werner Herzog und Peter Greenaway leer ausgingen. Den Großen Preis der Jury holte mit dem chilenischen Missbrauchs-Drama «El Club» (Der Club) von Pablo Larraín ein Film, der schonungslos das Versagen der katholischen Kirche aufdeckt. Um die blutige Geschichte Chiles von der Ermordung der Ureinwohner bis zur Folter in der Pinochet-Zeit geht es in «Der Perlmuttknopf» - für den einzigen Dokumentarfilm im Wettbewerb wurde Regisseur Patricio Guzmán mit dem Bären für das beste Drehbuch geehrt.

In den Iran war der Goldene Bär zuletzt im Jahr 2011 gegangen. Damals hatte Asghar Farhadis Scheidungsdrama «Nader und Simin - Eine Trennung» gewonnen, das danach auch den Oscar holte. Der diesjährige Bären-Gewinner Panahi setzte sich für seinen Film «Taxi» in ein ganz reales, mit Kameras ausgestattetes Taxi und chauffierte Landsleute durch Teheran.

Ein mit illegalen Filmkopien handelnder Mann, eine Menschenrechtsanwältin, ein Anhänger der Todesstrafe, zwei abergläubische alte Frauen und Panahis selbstbewusste kleine Nichte erzählen dem Taxifahrer von ihren Problemen. Panahi inszeniert das Spiel mit den Wahrheiten, in dem es auch um Zensur und Selbstzensur geht, sehr verschmitzt. Ob die Fahrgäste reale Personen, Laien oder Schauspieler sind, bleibt offen.

Panahi war wegen seiner Kritik an der iranischen Regierung im Dezember 2010 zu sechs Jahren Haft und einem 20-jährigen Berufs- und Ausreiseverbot verurteilt worden - das Urteil wurde jedoch nicht vollständig vollstreckt. «Ich bin Filmemacher. Ich kann nichts anderes als Filme machen», heißt es in einer im Berlinale-Programm veröffentlichten Erklärung von Panahi. Und weiter: «Mit Kino drücke ich mich aus, es ist mein Leben. Nichts kann mich am Filmemachen hindern.»

Vor vier Jahren war Panahi Berlinale-Jurymitglied, durfte jedoch nicht ausreisen. Für «Offside» über weibliche iranische Fußballfans hatte der Regisseur 2006 den Großen Preis der Jury, für «Geschlossener Vorhang» 2013 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch bekommen. In einem Kuchen ließ er 2011 seinen im Hausarrest gedrehten Film «This is not a film» zum Filmfestival nach Cannes schmuggeln.

Der Filmemacher steht zwar mittlerweile nicht mehr unter Hausarrest, am Berufs- und Ausreiseverbot hat sich jedoch nichts geändert. «Ich lade Panahi solange ein, bis er kommen kann», sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

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