Felix Krämer zeigt im Städel-Museum Bilder einer idealen Freundschaft – bevor er im Oktober in Düsseldorf startet.

Interview
Felix Krämer: „Ohne Bonnard gäbe es nicht Matisse und umgekehrt.“ Archiv

Felix Krämer: „Ohne Bonnard gäbe es nicht Matisse und umgekehrt.“ Archiv

Michaelis

Felix Krämer: „Ohne Bonnard gäbe es nicht Matisse und umgekehrt.“ Archiv

Frankfurt/Düsseldorf. Mit einer groß angelegten Sonderschau zu Henri Matisse und Pierre Bonnard im Frankfurter Städel-Museum will Felix Krämer, der Leiter der Kunst der Moderne, an den Erfolg seiner Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ mit mehr als 430 000 Besuchern anknüpfen. Die aktuelle Schau gilt den Hauptvertretern der französischen Moderne, vor allem ihrer beispiellosen Freundschaft an der französischen Riviera. Für den Kurator ist es zugleich ein Abschied, denn Krämer fängt am 1. Oktober als Generalintendant des Museums Kunstpalast in Düsseldorf an. Ein Gespräch.

Herr Krämer, Sie zeigen 120 Gemälde, Plastiken, Zeichnungen und Grafiken als Leihgaben aus den wichtigsten Häusern der Welt. Zeugt das vom Renommee, das Sie besitzen?

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Foto: Mitro Hood, BMA

Henri Matisse: Großer liegender Akt, 1935 The Baltimore Museum of Art, The Cone Collection © Succession H. Matisse / VG Bild-Kunst, 2017

Krämer: Die Ausstellung „Bonnard – Matisse“ gilt einem Thema, für das sich viele Museumskollegen interessieren. Und wenn Sie dann noch sagen können: „Guckt mal, das Bild, das wir haben, ist der direkte Verwandte von Eurem Bild“, dann sind auch hochkarätige Leihgaben aus großen Häusern möglich.

In Düsseldorf gab es 1993 eine Bonnard-Ausstellung und 2006 eine zu Matisse. Nun aber geht es um das vergleichende Sehen. Ist das ein Novum?

Krämer: Die Chance dieser Ausstellung liegt darin, dass man den Künstlern gleichsam über die Schulter schaut. Den Dialog, den sie mehr als 40 Jahre führten, indem sie immer wieder gemeinsam ihre Arbeiten angeschaut haben, kann man den Bildern ansehen. Man betrachtet sowohl Bonnard als auch Matisse mit anderen Augen. Dennoch bleiben sie bei aller Ähnlichkeit immer sie selbst.

Der Titel der Ausstellung „Es lebe die Malerei“ beruht auf dem programmatischen Ausruf, mit dem Matisse seinen Freund Bonnard am 13. August 1925 grüßte. Ist es heute kühn, die Malerei so hervorzukehren, wo Kuratoren und vor allem Politiker nach dem Digitalen schreien? Hat das glühende Licht des Midi nicht nur die Maler, sondern auch Sie verführt? Farbe scheint mir ein Statement Ihrer Arbeit zu sein?

Krämer: Bestimmte Bilder werden immer wieder reproduziert. Ich denke an Tischbeins Goethe im Städel. Trotzdem macht die Betrachtung des Originals etwas mit demjenigen, der es sich anschaut. Bei der Betrachtung der Oberfläche, des Duktus, des Formats, kommen viele Sachen zusammen, die durch keine Reproduktion ersetzt werden können.

Was zeichnet denn die Freundschaft der beiden Stars an der französischen Riviera aus?

Krämer: Das ist meine erste Ausstellung seit ganz langer Zeit, die keinen Stachel hat, die nicht auf Reibungen aus ist. Sie gilt einer idealen Freundschaft. Sie haben sich beide einander alles gegönnt. Ich stehe fast bewundernd davor. Beide haben auch das jeweils andere, was sie nicht hatten, gesehen. Da war die Opulenz bei Matisse, seine Geschäftstüchtigkeit als der teuerste Maler seiner Zeit, sein Luxus. Er führte einen sehr aufwendigen Lebensstil. Er hat sich gern präsentiert, er umgab sich mit seinen Modellen. Bei Bonnard haben Sie genau das Gegenteil. Man sagt ja normalerweise, gleich und gleich gesellt sich gern. Hier ist es das Gegenteil, wie Yin und Yang. Sie haben sich ergänzt. Ohne Bonnard gäbe es nicht Matisse, und umgekehrt. Sie haben im Gespräch, in der Diskussion ihre Entscheidungen entwickelt.

Beide Maler haben Landschaften, Stillleben, Interieurs, Fensterausblicke usw. gemacht. Da gibt es viele Übereinstimmungen. Aber es gibt doch auch Unterschiede, etwa in der Darstellung des weiblichen Körpers?

Krämer: Das Markenzeichen von Matisse waren die Frauen als Odalisken, als orientalische Haremsdamen mit den bunten Gewändern in den Fantasieräumen. Das war sein Erfolgsmotiv. Die Scherenschnitte kamen später. Das Markenzeichen von Bonnard ist seine eigene Frau bei der Morgentoilette, beim Teetrinken, Frühstücken und Baden. Über 30 Jahre hat er Marthe gemalt. Seine Bilder haben etwas Entrücktes, Melancholisches. Warum aber malt Matisse keine einzige Damentoilette und Bonnard keine Odaliske? Das kann ich mir nur aus dem gemeinsamen Respekt vor dem Werk des anderen erklären. Dass der eigene Erfolg nicht so wichtig war wie die Freundschaft.

Meinen Sie, dass es so eine Beziehung zueinander heute nicht mehr gibt?

Krämer: Ach, da bin ich zu romantisch veranlagt. Aber es ist ein seltenes Glück.

Sie sagen, beide Künstler seien „Schlüsselfiguren der Moderne“. Warum?

Krämer: Die Ausstellung hat etwas Schwärmerisches. Aber sie hat auch ein ernstes kunsthistorisches Anliegen: Matisse ist ausgesprochen bekannt, Bonnard nicht ganz so, leider. Bonnard hatte Ausstellungen in Düsseldorf und Wuppertal, aber er wird trotzdem oftmals als Künstler des 19. Jahrhunderts betrachtet. Doch das ist absoluter Quatsch. Beide sind für die figürliche Malerei Pioniere, Matisse als strahlende Figur. Aber auch Bonnard ist wichtig für die Malerei. Künstler wie Peter Doig können das bestätigen.

In wenigen Tagen kommen Sie nach Düsseldorf. Werden Sie neben der Fotografie ein klassisches Programm bieten?

Krämer: Ich werde bestimmt nicht das Programm aus dem Städel fortsetzen. Es ist ganz wichtig, dass man den Charakter eines Hauses aus der Sammlung entwickelt.

Ist die Düsseldorfer Sammlung nicht eher ein Gemischtwarenladen?

Krämer: Ich möchte das nicht so negativ sehen, sondern positiv eher die Vielfalt betonen. Düsseldorf sollte viel selbstbewusster sein. Es wird auch klassische Ausstellungen geben. Der Ort wird eine Rolle spielen, auch die Fotografie.

Sind Blockbuster-Ausstellungen geplant?

Krämer: Wenn Blockbuster bedeutet, dass ich viele Menschen dazu bewege, in eine Ausstellung gehen, dann habe ich nichts dagegen. Das ist unser Job. Warum sollte man sich darüber beschweren. Es geht in erster Linie um das Schauen und um das Erlebnis der Kunst.

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