Als 1607 der „Pont Neuf“ in Paris eröffnet wurde, war die „Neue Brücke“ die größte Sensation Europas: Auf ihr standen keine Häuser.

Der Pont Neuf in Paris, vor 410 Jahren eingeweiht, war die erste europäische Brücke seit dem Ende der Antike, auf der keine Häuser errichtet werden durften.
Der Pont Neuf in Paris, vor 410 Jahren eingeweiht, war die erste europäische Brücke seit dem Ende der Antike, auf der keine Häuser errichtet werden durften.

Der Pont Neuf in Paris, vor 410 Jahren eingeweiht, war die erste europäische Brücke seit dem Ende der Antike, auf der keine Häuser errichtet werden durften.

Der Ponte di Rialto in Venedig, errichtet 1591.

Der Ponte Vecchio in Florenz aus dem Jahr 1345.

Die Krämerbrücke in Erfurt wurde 1486 fertiggestellt.

Die Pulteney Bridge in Bath, 1774.

travelfranceonline.com, Bild 1 von 5

Der Pont Neuf in Paris, vor 410 Jahren eingeweiht, war die erste europäische Brücke seit dem Ende der Antike, auf der keine Häuser errichtet werden durften.

Paris. Weltweit gibt es nur vier erhaltene Brücken, die seit ihrer Errichtung mit Geschäften bebaut sind, und in denen bis heute Handel getrieben wird. Die beiden bekanntesten sind der Ponte di Rialto in Venedig und der Ponte Vecchio in Florenz, die einzige deutsche ist die Krämerbrücke in Erfurt, die unbekannteste die Pulteney Bridge im britischen Bath.

So wie diese vier sahen bis zur Zeit des 30-jährigen Krieges nahezu alle Brücken aus, die in Europas seit dem Mittelalter ständig wachsenden Städten einen Fluss überquerten. Dicht bebaut, meist zu eng für Karren und Fuhrwerke, ein ständiges Geschiebe und Gedränge von Menschen und Tieren, überlaufen, überladen, dreckig, gefährlich und nicht selten einsturzgefährdet.

Um vor 410 Jahren das genaue Gegenteil in der Mitte von Paris zu errichten, bedurfte es dreier Könige sowie einer Bau- und Planungszeit von fast 30 Jahren.

„Der Pont Neuf war der Eiffelturm des Ancien Régime.“

Colin Jones, Historiker in Oxford

Man kann sich die Sensation kaum groß genug denken, die die Eröffnung des „Pont Neuf“ (deutsch: Neue Brücke) im Jahre 1607 darstellte. Noch 170 Jahre später schwärmte der Schriftseller Louis-Sébastien Mercier in seinen „Bildern von Paris“ (1781), die als eine Art Reiseführer fungierten: „Der Pont Neuf ist in der Stadt, was das Herz für den Körper ist: das Zentrum des Lebens und der Zirkulation.“

Der Pont Neuf war, so Colin Jones, Geschichtsprofessor in Oxford, „der Eiffelturm des Ancien Régime“. Das ist nicht übertrieben. Mit 232 Metern war die neue Brücke ungewöhnlich. Anders als die vier existierenden Brücken überspannte sie die Seine in einem Zug, in der Mitte auf der Spitze der Ile de la Cité aufsetzend.

Noch ungewöhnlicher als ihre Länge war jedoch ihre Breite: Zwölf Toises (nach altem französischen Maß), rund 22 Meter. Damit war die Verkehrsfläche auf dem unbebauten Pont Neuf breiter als jede Straße im damaligen Paris. Die Brücke sei so breit, schrieb Mercier, dass fünf Gespanne nebeneinander auf sie passten.

Diese Straßenbreite ist umso beeindruckender, als es zur Zeit ihres Baus praktisch noch gar keinen bedeutenden Individualverkehr in Form von Kutschen gab – nicht für den Adel, erst recht nicht für das Bürgertum. Der individuelle Kutschenverkehr entwickelte sich gerade erst. Die meisten Transporte der Zeit wurden mit einfachen Karren erledigt, großformatige Fuhrwerke kamen erst langsam auf.

„Fortuna hat mir das große Missvergnügen bereitet, dass der schöne Bau des Pont Neuf in unserer großen Stadt unterbrochen wurde und mir so die Hoffnung geraubt, dass ich noch vor meinem Tod sehen könnte, wie sie in Gebrauch ist.“
Michel de Montaigne, Philosoph

Den Plan für eine fünfte Brücke über die Seine hatte bereits König Henri II. im Jahr 1556 gefasst, der ihn jedoch wegen des Widerstands der Pariser Kaufleute wieder aufgab. Erst sein Nachfolger Henri III. legte am 31. Mai 1578 den Grundstein – weiter begleitet vom Protest der Kaufmannschaft.

Dass auf der Brücke keine Wohnungen errichtet werden sollten, bloß um den Fluss und die Stadt besser sehen zu können – absurd. Dass es mit den Häusern auch keine Geschäfte geben sollte – das war unerhört. Und teuer. Finanziert wurde der Bau am Ende durch eine Steuer, die auf jedes nach Paris gebrachte Fass Wein erhoben wurde. Den Pont Neuf, lästerte ein Pariser Autor im Jahr 1660, „haben die Reichen und die Säufer bezahlt“.

Zehn Jahre nach dem Baubeginn wurden die Arbeiten aufgrund der Religionskriege, die Frankreich erschütterten, vorerst wieder eingestellt. Michel de Montaigne (1533–1592) beklagte in einem Abschnitt seiner „Essays“ über Kutschen die Bauunterbrechung: „Fortuna hat mir das große Missvergnügen bereitet, dass der schöne Bau des Pont Neuf in unserer großen Stadt unterbrochen wurde und mir so die Hoffnung geraubt, dass ich noch vor meinem Tod sehen könnte, wie sie in Gebrauch ist.“

Umso mehr gefiel den Parisern, dass die Vollendung des Pont Neuf in die Regierungszeit von Henri IV. (1553–1610) fiel, der bei den Hauptstädtern beliebter war als jeder Monarch vor und nach ihm. „Henri Quatre“, der „gute König Heinrich“, wie sie ihn in seiner Heimat Navarra nannten, einte das nach den Hugenotten-Kriegen tief gespaltene Land für eine Weile, wofür er selbst zum Katholizismus übertrat, aber im Edikt von Nantes 100 sichere Orte für Protestanten schuf; fast 90 Jahre hielt der Friede im Land.

Der Pont Neuf, an dem ab 1598 zügig weitergebaut wurde, war das Sinnbild des neuen Frankreichs und seines Königs, dem Heinrich Mann seinen beiden „Henri Quatre“-Romanen im 20. Jahrhundert ein literarisches Denkmal setzte.

Eines aus Bronze ließ ihm seine zweite Frau, Maria Medici, errichten, die er zehn Jahre vor seinem Tod geheiratet hatte. Als wollte die Geschichte ihn verhöhnen, wurde er am 14. Mai 1610 in der Rue de la Ferronnerie von einem religiösen Fanatiker erstochen. In der engen Straße hatte die Kutsche dem Mörder nicht ausweichen können.

1614 wurde das Reiterstandbild Henris auf dem Pont Neuf errichtet – das erste Standbild eines französischen Königs überhaupt. Henri Quatre blieb eine mythische Lichtgestalt für Frankreichs Geschichte; er, der sich unerkannt unter das Volk mischte und jedem Franzosen ein Huhn im Topf verschaffen wollte. In der Französischen Revolution wurde sein Denkmal gestürzt, aber 1818 bereits wieder neu errichtet (und aus eingeschmolzenen Büsten Napoleons gegossen). Was Henri Quatre mit seinem sturen Festhalten an der unbebauten Seine-Brücke mit ihren zwölf Rundbögen und 384 Maskaronen (Fabel- und Phantasieköpfe) unter den Gesimsen geschaffen hatte, war viel mehr als eine beeindruckende Sehenswürdigkeit, ein neuer Ausdruck von hauptstädtischem Bauen und eine infrastrukturelle Meisterleistung.

Schon bald nach der Eröffnung gab es in Paris eine Redensart, nach der man den Pont Neuf nicht überqueren könne, ohne drei Dinge gesehen zu haben: einen Mönch, ein (leichtes) Mädchen und ein weißes Pferd. Kurz: Der Pont Neuf war der erste wirklich öffentliche Raum von Paris, an dem alle Klassen und Gesellschaftsschichten zusammen kamen.

„Auch die Polizei macht es so, und wenn sie nach einigen Tagen den Mann, den sie sucht, nicht auf dem Pont Neuf getroffen hat, erklärt sie, er halte sich nicht in Paris auf.“
Louis-Sébastien Mercier, Schriftsteller

Nicht nur, dass erstmals seit der Antike eine Großstadt-Brücke unbebaut geblieben war. Sie enthielt auch erstmals zu beiden Seiten breite, den Fußgängern vorbehaltene Trottoirs. Damit konnte man gefahrlos eine Straße entlang flanieren. Es entstand eine gänzlich neue Art des Spaziergangs und der Begegnung in der Stadt. Der Pont Neuf nahm vorweg, was im Rest Europas erst sehr viel später bürgerliche Stadt-Kulturen prägte.

In den halbrunden Nischen über den Pfeilern entstanden das Pariser Theater und die Chansons, dort wurde mit Nachrichten und Büchern gehandelt. Der „Baedeker“ warnte noch 1878 deutsche Touristen, der Pont Neuf sei der Lieblings-Treffpunkt von Jongleuren, Schaustellern, Faulenzern und Dieben.

Der unbebaute Pont Neuf blieb für lange Zeit die touristische Attraktion und das Zentrum des Pariser Lebens. Wenn man jemanden suche, dessen Adresse man nicht kenne, schrieb Louis-Sébastien Mercier, müsse man nur jeden Morgen für eine kurze Zeit dorthin gehen: „Auch die Polizei macht es so, und wenn sie nach einigen Tagen den Mann, den sie sucht, nicht auf dem Pont Neuf getroffen hat, erklärt sie, er halte sich nicht in Paris auf.“

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