Christina Kampmann (SPD), ehemalige Familienministerin von NRW, beklagt in der #MeToo-Debatte ein strukturelles Machtgefälle zulasten der Frauen.

Gastbeitrag
Die SPD-Abgeordnete Christina Kampmann appelliert in der Sexismus-Debatte an die Solidarität der Männer.

Die SPD-Abgeordnete Christina Kampmann appelliert in der Sexismus-Debatte an die Solidarität der Männer.

dpa

Die SPD-Abgeordnete Christina Kampmann appelliert in der Sexismus-Debatte an die Solidarität der Männer.

Düsseldorf. Auch wenn es noch nicht bei allen Männern angekommen ist: #MeToo ändert etwas! Und das sage ich nicht, weil ich unerschütterliche Optimistin bin; daran glaube ich, weil sich vieles bereits geändert hat! Welche Debatte könnte sonst dazu beitragen, dass ein Hollywoodproduzent, ein britischer Verteidigungsminister, ein Starfotograf und ein Oscarpreisträger für viele nicht mehr tragbar sind. Mit der Einstellung von „House of Cards“ fällt der Debatte sogar eine meiner Lieblingsserien zum Opfer. Zu Recht, sage ich, denn wenn ein Schauspieler wie Kevin Spacey von so vielen der sexuellen Belästigung beschuldigt wird, dann muss das Konsequenzen haben.

„Angela Merkel und Theresa May können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Politikbetrieb nach wie vor männlich dominiert ist.“

Christina Kampmann, SPD-Landtagsabgeordnete

Und auch vor der Politik macht die Debatte um #MeToo nicht halt. Warum auch, schließlich können selbst Angela Merkel und Theresa May nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Politikbetrieb nach wie vor männlich dominiert ist. Dort wo Donald Trump Frauen nach Belieben an die „Pussy“ greift und wir uns bei einem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten zwar nicht an politische Taten, dafür aber an Sätze erinnern, nach denen die Frauen in Italien einfach zu schön seien, um Vergewaltigungen zu verhindern, dort werden Frauen mit einer Schamlosigkeit herabgewürdigt, die schlichtweg ekelhaft ist.

Neulich wurde ich (von einem Mann) gefragt, ob #MeToo der Tod des Altherrenwitzes sei und ob einem einzelnen Hashtag nicht zu viel Bedeutung beigemessen würde. Ehrlich gesagt interessiert mich die Zukunft des Altherrenwitzes nur wenig, zumal ich mich schon lange frage, womit diese Art des Humors überhaupt eine Berechtigung verdient hat. Die Rolle sozialer Medien ist dagegen in der Tat spannend, bin ich doch fest davon überzeugt, dass die Sichtbarkeit von Sexismus und sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft ohne diese Möglichkeiten nicht zu Tage getreten wäre, auch wenn die Diskussion bei Facebook, Twitter und Co ganz sicher nicht immer unproblematisch ist. Gefördert durch ein politisches Klima und einen weltweiten Rechtsruck, der deutlich macht, dass Frauenrechte längst nichts Selbstverständliches sind. Sie zu verteidigen und weiterzuentwickeln ist eine Aufgabe, die uns durch #MeToo schonungslos vor Augen geführt wird.

Aber haben wir es nun mit Einzelfällen zu tun, die da nach und nach ans Licht kommen oder handelt es sich um ein grundlegendes Problem? Wer verfolgt, wie viele Frauen unter #MeToo ihre Erlebnisse schildern, muss schnell zu dem Schluss kommen: Hier liegt ein strukturelles Problem vor. Begünstigt durch ein Machtgefälle das sich in Film, Kultur, Politik und Wirtschaft wiederfindet. Begünstigt auch durch eine Kultur des Schweigens, Wegsehens und Ignorierens. Dabei dürfen wir genau das nicht mehr tun!

Erlernte Geschlechterrollen zementieren ein Ungleichgewicht

Christina Kampmann (37, SPD) stammt aus Bielefeld war von 2015 bis 2017 Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in Nordrhein-Westfalen. Vor ihrer politischen Laufbahn arbeitete sie bei der Stadt Bielefeld als Standesbeamtin. Kampmann wuchs auf einem Bauernhof auf. Sie trat 2006 zunächst bei den Jusos und im Mai 2007 bei der SPD ein. Derzeit ist sie Landtagsabgeordnete in NRW.

Wir dürfen nicht schweigen, wenn jemand unsere Hilfe braucht, weil er Opfer sexualisierter Gewalt wurde. Wir dürfen nicht Wegsehen, wenn wir Zeugen von Sexismus und Übergriffen werden. Und wir dürfen nicht Ignorieren, dass wir ein gesellschaftliches Problem haben, das sich nur gemeinsam lösen lässt. Dazu brauchen wir die Männer, die verstanden haben, dass sie Teil der Lösung sein müssen.

Aber welche Konsequenzen müssen wir ziehen? Was ist zu tun, damit es zu #MeToo in Zukunft nichts mehr zu sagen gibt? Mir geht es in der Debatte viel zu wenig um die Mechanismen, die Sexismus und sexualisierte Gewalt begünstigen. Schließlich werden schon unseren Kindern Geschlechterrollen vermittelt, die ein Ungleichgewicht zementieren.

Im Sinne der Opfer sollten wir die Vorbeugung in den Mittelpunkt rücken, anstatt die Konsequenzen für Täter zu fokussieren. Mit der gerade erst erfolgten Ratifikation der sogenannten Istanbul-Konvention, einem Übereinkommen des Europarates zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, wurde gesetzlich ein wichtiger Schritt getan.

Nun gilt es, gesellschaftlich ein Klima zu erzeugen, in dem Sexismus und sexualisierte Gewalt keinen Platz haben. Dafür sind wir alle gefordert. #MeToo hat einen entscheidenden Beitrag geleistet. Wichtig ist es, jetzt nicht stehenzubleiben, sondern mutig nach vorne zu gehen. Das sind wir nicht nur den Opfern schuldig, sondern auch dem Respekt gegenüber uns selbst.

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