Ilona Schmiel, Intendantin des Beethovenfests Bonn, über das Motto „Macht.Musik“ und die Vereinnahmung der Klassik durch die Politik.

Ilona Schmiel leitet seit 2004 das renommierte Musikfest in Bonn.
Ilona Schmiel leitet seit 2004 das renommierte Musikfest in Bonn.

Ilona Schmiel leitet seit 2004 das renommierte Musikfest in Bonn.

Ilona Schmiel leitet seit 2004 das renommierte Musikfest in Bonn.

Frau Schmiel, wie kamen Sie gerade in diesem Jahr auf die Idee mit dem Motto "Macht. Musik"? Ilona Schmiel: Ich fand es extrem wichtig, das Thema der Vereinnahmung von Musik noch in diesem Jahr zu beleuchten, bevor 2009 das 60-jährige Bestehen der Bundesrepublik gefeiert und an den Fall der Mauer vor 20 Jahren gedacht wird. Die Verbindung von Macht und Musik ist ein wichtiges Thema speziell des 20. Jahrhunderts. Und im Zentrum der Auseinandersetzung mit diesem Phänomen soll Beethovens 9. Symphonie stehen, die immer wieder Objekt der Vereinnahmung gewesen ist.

Was mögen denn gerade die Nationalsozialisten an einer so humanen Musik wie der Beethovens dermaßen vereinnahmungswürdig gefunden haben? Schmiel: Wenn man die Botschaft "Alle Menschen werden Brüder" in der "Neunten" bewusst missdeutet, kann sie auch eine negative Ausrichtung bekommen, etwa die der Einschwörung auf ein gemeinsames, kriegerisches Ziel. Es gab ja auch unterschiedliche Textfassungen wie etwa die von Johannes R. Becher in der DDR.

Auf dem Programm steht auch Beethovens Oper "Fidelio". Gerade in diesem Werk steckt doch ein Bekenntnis zu Freiheit, Liebe und Mitmenschlichkeit. Schmiel: Man kann immer die handelnden Personen für die eigene Zeit und die eigenen Ziele missbrauchen, so dass alles in die falsche Richtung geht. Auch dieser Oper ist es so ergangen. Wir zeigen sie übrigens in einer kindgerechten Kurzfassung. Die Handlung wird wie ein "Krimi" erzählt. Im Vordergrund steht dann die These, dass Liebe alle Grenzen sprengen kann.

Wie wollen Sie die Thematik "Macht und Musik" im Beethoven-Fest dokumentieren? Schmiel: Auf verschiedenen Wegen: durch eine Ausstellung, ein Symposion, die Programmhefttexte und auch mit der Art, wie wir die Musik in diesem Jahr präsentieren. Die 9. Symphonie erklingt zwei Mal, zuerst beim Eröffnungskonzert als sehr schlanke, expressive Fassung mit der Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi, und am 10.September in einer opulenteren Interpretation durch Kurt Masur und dem Orchestre National de France, eine Aufführung, der man auch im Rahmen eines Public Viewing auf dem Bonner Marktplatz beiwohnen kann. Beim Eröffnungskonzert wird auch Schönbergs "Ode to Napoleon Bonaparte" nach einem Gedicht von Lord Byron aufgeführt. Schönberg konzipierte das Stück als seine Abrechnung mit dem Hitler-Regime.

Zurück zur 9. Symphonie: Wie weit lässt sie sich politisch einspannen?

Ilona Schmiel wurde 1967 in Hannover geboren.

Gesang, Schulmusik, Altphilologie sowie Kultur- und Medienmanagement in Berlin.

1993 Assistentin der Geschäftsleitung der Donaueschinger Musiktage; seit 1996 Dozentin im Studiengang Kultur- und Medienmanagement, Berlin; 1998-2002 künstlerische Leiterin des Bremer Konzerthauses "Die Glocke"; seit 2004 Intendantin und Geschäftsführerin des Beethovenfestes Bonn.

29. August bis 28.September 2008. Das Fest findet seit 1999 jedes Jahr statt.

Schmiel: Da gibt es eine große Bandbreite. Sie wurde zu Hitlers Geburtstag gespielt, sie war eine Hymne in der DDR, in den 50er Jahren wurde sie Europa-Hymne, und im Zuge der chinesischen Kulturrevolution wurden Arbeiter auf den Feldern mit dieser Musik beschallt. Nach dem Fall der Berliner Mauer erklang sie erneut, abermals umgetextet als Ode "An die Freiheit". Man kann letztendlich feststellen: Die "Neunte" hat ihren Missbrauch überlebt.

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