Der gefeierte Tenor Jonas Kaufmann über Missverständnisse, Gefahren und Riesen-Gagen bei den großen Partien.

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Jonas Kaufmann: „Mit zu viel Wagner-Partien ruiniert man sich die Stimme.“ (dpa)

Jonas Kaufmann: „Mit zu viel Wagner-Partien ruiniert man sich die Stimme.“ (dpa)

Jonas Kaufmann: „Mit zu viel Wagner-Partien ruiniert man sich die Stimme.“ (dpa)

Herr Kaufmann, immer wieder wird behauptet, der Wagner-Gesang sei in der Krise, weil es immer weniger geeignete Wagner-Sänger gibt. Teilen Sie die Ansicht?

Kaufmann: Nein, es gibt keine Krise im Wagner-Gesang, wie vielfach behauptet wird. Das Geheimnis ist, sich nicht nur auf das Wagner-Fach zu konzentrieren, also auch das italienische oder französische Fach zu pflegen, um so die Stimme geschmeidig zu machen und ihre Weichheit zu erhalten. Manche haben es ja für verrückt gehalten, dass ich bis kurz vor der "Lohengrin"-Premiere in Bayreuth noch Puccinis "Tosca" in München gesungen habe. Mir und meiner Stimme hat das aber gut getan. Jedes Mal, wenn ich von einer "Tosca"-Vorstellung gekommen bin, habe ich eine neue Weichheit in den "Lohengrin" legen können.

Muss ein Wagner-Sänger eine besondere Konstitution haben?

Kaufmann: Natürlich gibt es bombastisch laute Stellen bei Wagner, die bei mir Gänsehaut verursachen. Die müssen auch so sein, und natürlich kann ein Sänger bei normaler Konstitution für eine gewisse Zeit da mithalten. Aber man muss auch immer wieder zurückfinden auf ein Niveau, das sängergerecht ist, sonst geht die Stimme langfristig kaputt. Man darf auch nicht vergessen, dass sich die modernen Musikinstrumente mit der Zeit so entwickelt haben, dass sie immer lauter geworden sind, nicht jedoch im gleichen Maße die Gesangsstimme.

Was zeichnet denn einen Wagner-Sänger aus?

Kaufmann: Ja, was eigentlich - einer, der fünf Stunden am Stück laut singen kann? Das ist ein Missverständnis, auch wenn die akustischen Bedingungen in vielen Opernhäusern manche Kollegen dazu verleiten oder sogar zwingen. Dagegen anzusingen, kann eine Stimme auf Dauer kaputt machen. Dann muss man den Dirigenten dazu bewegen, manchmal mit dem Orchester auch leiser zu spielen. Ich kann doch als Sänger nicht den Kampf gegen 80 oder gar 100 Musiker im Graben aufnehmen.

Erhalten Sie nach einer Wagner-Oper sofort neue Angebote für Wagner-Partien?

Kaufmann: Ja, das stimmt, viele Opernhäuser wollen von mir sofort den Wagner haben, sobald ich eine neue Partie einstudiert habe. Es wird ja in meiner Branche auch gemunkelt, dass man im Wagner-Fach mehr Geld verdienen könne, weil es angeblich nur wenige Sänger dafür gibt. Aber das nützt mir doch nichts. Ich liebe meinen Beruf viel zu sehr, um in kürzester Zeit meine Stimme zu ruinieren.

Wie beugen Sie den Gefahren der einseitigen Wagner-Festlegung vor?

Jonas Kaufmann (* 10. Juli 1969 in München ) hat erst einige Semester Mathematik studiert und wechselte dann doch zur Musikhochschule München. Im Februar 2006 wurde er bei seinem Debüt an der New Yorker Met umjubelt. Gerade gab er als Lohengrin sein gefeiertes Bayreuth-Debüt. Er ist verheiratet mit der Mezzosopranistin Margarete Joswig. Das Paar lebt mit seinen drei Kindern in Zürich.

Thomas Voigt: "Jonas Kaufmann - Meinen die wirklich mich?"; Henschel-Verlag, 176 Seiten, 19,90 Euro.

Kaufmann: Ich möchte meinen Beruf möglichst lange ausüben. Also singe ich immer wieder auch in den anderen Fächern. Ich habe ja das Glück, dass ich neben dem deutschen, auch im italienischen und französischen Fach anerkannt bin. Das hilft mir, die Stimmkultur zu bewahren. Wenn man das alles beachtet, kann man sein Leben lang Wagner singen, aber eben nicht nur. Das ist das ganze Geheimnis. Genau dafür bin ich in der Vergangenheit aber oft auch kritisiert worden, Kritiker meinten, dieses ständige Wechseln im Fach sei schlecht für die Stimme und die Karriere.

Gibt es für Sie ein Vorbild?

Kaufmann: Schauen Sie sich Placido Domingo an, der das Tenor-Fach abgegrast hat und sich nun dem Baritonfach zuwendet. Der hat nun wirklich alles gesungen, auch Wagner. Er hat die Fächer gewechselt wie die Hemden, und es hat nicht geschadet. Es kommt eben auf die Stimme an, auf die Technik, das Maß, die Kombination. So gesehen sind die positiven Kritiken, die ich jetzt erhalte, natürlich schön und eine Bestätigung für mich, dass mein Weg doch der richtige war.

Sie erhalten zurzeit weltweites Lob. Die "New York Times" sprach nach Ihrem Auftritt an der New Yorker Met, wo Sie im April 2011 auch den Siegmund in der "Walküre" erstmals singen werden, von "einem der größten Künstler der jüngeren Geschichte der Met". Mit 41 Jahren seien Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere. Macht das größenwahnsinnig?

Kaufmann: Nein, ganz bestimmt nicht. Meine Familie holt mich auch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück - und Papier ist geduldig.

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