Edgar M. Böhlke
Edgar M. Böhlke als Gus im «Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift» Foto: Uwe Anspach

Edgar M. Böhlke als Gus im «Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift» Foto: Uwe Anspach

dpa

Edgar M. Böhlke als Gus im «Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift» Foto: Uwe Anspach

Mannheim (dpa) - Obszön, ernsthaft und lustig: US-Autor und Pulitzer-Preisträger Tony Kushner ist mit einem zeitgenössischen Theaterstück über das ernste Thema Selbstmord diese Mischung gelungen.

Das Stück mit dem komplizierten Titel «Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift» feierte am Mannheimer Nationaltheater Deutschland-Premiere. Das Publikum würdigte die Darbietung nach drei Stunden mit lautstarkem Beifall.

Der 1956 geborene Kushner lässt in der Tragikomödie den pensionierten Hafenarbeiter Gus Marcantonio (Edgar M. Böhlke) Selbstmordgedanken entwickeln. Der 72-jährige kommunistische Gewerkschafter mit italienischem Migrationshintergrund versteht die Welt nicht mehr. Er steht dabei in einem schwarz-monumentalen und minimalistischen Quader-Bühnenbild, das sich dreht.

Marcantonio bittet seine Kinder, seinen Suizid per Abstimmung gutzuheißen. Die Familie gerät in Rage, es kommt zur familiären Abrechnung. Dabei stellt sich in ausufernden, verschachtelten und teils langweiligen Nebenhandlungen heraus, dass die erwachsenen Kinder alle erdenklichen Formen von hetero- und homosexuellen Patchworkfamilien-Varianten ausleben. Dabei werden viele Klischees bedient, die Motive sind nicht wirklich neu.

Der älteste Sohn, ein Geschichtslehrer, betrügt seinen Ehemann mit einem Stricher. Die Tochter, die sich ein Kind wünscht, hat ihren Mann verlassen und lebt jetzt mit einer Frau zusammen. Diese ist im neunten Monat schwanger. Die vermeintliche Samenspende kommt vom jüngsten Sohn Marcantonios, der wiederum verheiratet ist und zwei Kinder hat. Der Nachwuchs wurde aber nicht etwa durch künstliche Befruchtung gezeugt - der jüngste Sohn und die Freundin seiner Schwester führten die Zeugung auf gewöhnliche Weise durch.

Schwierig wird es vor allem dann, wenn Gossensprache aus dem englischen Original ins - politisch korrekte - Deutsche übersetzt werden soll. Mit «sexueller Kolateralschaden auf der Ständerbank» soll zum Beispiel ausgedrückt werden, dass einige Schwule mehrere Partner haben. Regisseur Burkhard Kosminski hätte sich bei der Übertragung auf eine deutsche Bühne ruhig etwas weiter vom Original lösen können. Dennoch ist das Stück - trotz einiger Längen - durchaus sehenswert.

Am Schluss bleibt offen, ob sich der von allen verlassene Vater tatsächlich umbringt. Zuletzt hatte eine Sterbehelferin ihm einen tödlichen Medikamente-Cocktail überreicht.

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