Dramen von Carl Zuckmayer und Wolfgang Borchert läuten eine Epochenwende ein – für das Publikum sind sie eine Art Persilschein.

Des Teufels General  Curd Jürgens
Eine bekannte Verfilmung des Dramas "Des Teufels General" kam 1955 in die Kinos: mit Victor de Kowa (l-r) als SS-Gruppenführer Schmidt-Lausitz und Curd Jürgens als General Harras. Rechts im Bild: Regisseur Helmut Käutner. Die Aufnahme entstand bei den Dreharbeiten im November 1954.

Eine bekannte Verfilmung des Dramas "Des Teufels General" kam 1955 in die Kinos: mit Victor de Kowa (l-r) als SS-Gruppenführer Schmidt-Lausitz und Curd Jürgens als General Harras. Rechts im Bild: Regisseur Helmut Käutner. Die Aufnahme entstand bei den Dreharbeiten im November 1954.

Carl Zuckmayer schrieb "Des Teufels General" und landete damit einen großen Erfolg.

Der Kampf- und Kunstflieger Ernst Udet war reales Vorbild für die Kunstfigur Harras.

dpa, Bild 1 von 3

Eine bekannte Verfilmung des Dramas "Des Teufels General" kam 1955 in die Kinos: mit Victor de Kowa (l-r) als SS-Gruppenführer Schmidt-Lausitz und Curd Jürgens als General Harras. Rechts im Bild: Regisseur Helmut Käutner. Die Aufnahme entstand bei den Dreharbeiten im November 1954.

Düsseldorf. Das Sturmgeschütz der Demokratie hat Ladehemmungen. Über die Uraufführung des Dramas „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer (1896-1977) verliert das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Januar 1947 nicht viele Worte. Vielleicht weil die Premiere des Dreiakters im Dezember 1946 in Zürich gefeiert wird; möglicherweise liegt es auch daran, dass es den Hamburger Journalisten in der erst zweiten Ausgabe ihres Blattes noch an Biss fehlt. Oder an ehemaligen Wehrmachts- und SS-Angehörigen in der Redaktion.

„General mit historischem Schatten“ – so betitelt das Magazin seine Rezension über den Zuckmayer-Dreiakter mit Gustav Knuth (1901-1987) in der Hauptrolle: „Es gab starken Beifall. Zuckmayer selbst war da, um für ihn zu danken. Die Zeitungen wenden dem Stück eine besondere Aufmerksamkeit zu.“

Während Zuckmayer die Ovationen in seinem Schweizer Exil gern entgegennimmt, hat der gebürtige Nackenheimer mit dem Zuspruch aus seiner ehemaligen Heimat große Probleme. Am 8. Dezember 1947 wird „Des Teufels General“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg erstmals aufgeführt – und in den folgenden Jahren zum meistgespielten Theaterstück im Nachkriegsdeutschland. Allerdings klatschen die Deutschen kaum wegen der antifaschistischen Tendenz, die Zuckmayer selbst in seinem Werk sieht. Das Publikum feiert den Flieger-General Harry Harras, die Hauptperson des Dramas, als Blaupause des kleinen Mitläufers.

Dass ein General der Luftwaffe zwar Mitläufer, keinesfalls aber ein kleiner sein kann, stört kaum. Was auch daran liegt, dass die Kunstfigur Harras in Ernst Udet (1896-1941) ein reales Vorbild hat. Der Fliegerheld aus dem Ersten Weltkrieg bringt es unter den braunen Herren bis zum Generalluftzeugmeister – bevor er die Gunst der Nazis verliert und sich stickum erschießt.

Dem Fliegergeneral Harras ist die Weltanschauung der Nazis zwar zuwider – viele Deutsche behaupten das nach zwölf Jahren Nationalsozialismus ebenfalls von sich –, dennoch macht der Offizier wie die meisten anderen gemeinsame Sache mit den Faschisten. Oder, um Zuckmayers Intention zu übernehmen: Sie schließen einen Pakt mit dem Teufel, den man sich mit schwarzem Geckenbärtchen und Seitenscheitel denken muss.

Ein Verführter also, der seinen Fehler am Ende einsieht und in den Heldentod fliegt. Gedacht hat Zuckmayer sich das anders, dem deutschen Theatervolk gefällt freilich die Generalabsolution auf der Bühne. Zumindest den meisten Zuschauern. „Einige verließen ostentativ den Saal, offenbar unbekümmert um Zurufe wie: ,Die Nazis gehen . . .’“, schreibt ein Kritiker der „Zeit“ über das Stück. Wer die drei Akte aushält, kann sich hingegen entnazifiziert fühlen. Strich drunter, alles ist vergeben.

Für die auch in der Literatur kaum existierende Stunde Null sind nach Kriegsende ohnehin andere zuständig. Jene Männer, die das große Schlachten und Morden überlebt hatten, nun am Anfang ihres literarischen Schaffens stehen und weder in Nazi-Schreibern noch den deutschen Exil-Dichtern ihre Vorbilder sehen. Trümmerliteratur nennt man die Texte, die in der Zeit zwischen Kriegsende und 1950 entstehen.

Um Wahrhaftigkeit geht es den jungen Autoren, um die realistische Darstellung dessen, was ist: das Leben in Ruinen, in Flüchtlings- oder Gefangenenlagern, das Leiden der Heimatlosen, Entwurzelten und Desillusionierten. Alfred Andersch (1914-1980), Johannes R. Becher (1891-1958), Heinrich Böll (1917-1985) und Wolfgang Borchert (1921-1947) sind die bekanntesten Vertreter – und Borchert ihr tragischer Held.

Einen Tag nach seinem Tod wird sein bekanntestes Theaterstück „Draußen vor der Tür“ am 21. November 1947 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. In nur acht Tagen hatte der Kriegsheimkehrer das Stück verfasst, das zuerst als Hörspiel vom Nordwestdeutschen Rundfunk gesendet wurde – und heftigste Reaktionen bei den Radiohörern auslöste, von Zustimmung bis wütender Empörung.

Im Stück verzweifelt der Heimkehrer und verhinderte Selbstmörder Beckmann nicht nur an seinen Fronterlebnissen, sondern vor allem an der Nachkriegsgesellschaft, die nur allzu gern mit der Nazizeit abschließen würde. Wo Beckmann nach Verantwortung fragt, bekommt er Achselzucken, wenn er von Moral spricht, auch.

Spätere Exegeten sehen in Borcherts Fünfakter den Aufschrei einer ganzen Generation. Für den Literaturkritiker Hellmuth Karasek fängt mit Borcherts und Zuckmayers Stücken eine neue Zeitrechnung an: der „Beginn des Dramas in der Bundesrepublik“.

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