Peter Wawerzinek erhält die Ehrung für einen Text über seine Zeit im Waisenhaus.

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Gerührt nimmt Peter Wawerzinek in Klagenfurt den Preis entgegen. Im Schreiben wollte er fliehen, geriet jedoch noch tiefer in die Erinnerung.

Gerührt nimmt Peter Wawerzinek in Klagenfurt den Preis entgegen. Im Schreiben wollte er fliehen, geriet jedoch noch tiefer in die Erinnerung.

Reuters

Gerührt nimmt Peter Wawerzinek in Klagenfurt den Preis entgegen. Im Schreiben wollte er fliehen, geriet jedoch noch tiefer in die Erinnerung.

Klagenfurt. Peter Wawerzinek hat den 34. Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. "Spuren einer Lebensverletzung", so umschrieb die Literaturkritikerin Meike Feßmann am Sonntag Wawerzineks Werk "Rabenliebe", mit dem der Autor am Samstag zum Vorlesemarathon in Klagenfurt angetreten war.

Der 1954 in Rostock geborene Schriftsteller überzeugte mit den berührenden Erinnerungen an seine Kindheit in einem Waisenhaus in der ehemaligen DDR nicht nur die von Burkhard Spinnen geleitete siebenköpfige Fachjury. Er begeisterte auch die Zuhörer, die ihm zusätzlich per Internetabstimmung den Publikumspreis verliehen. "Peter Wawerzineks Prosa ist große Literatur", lobte Feßmann, die den Autor für den Wettbewerb vorgeschlagen hatte, in ihrer Laudatio.

Im Waisenhaus wird er als zurückgeblieben eingestuft

In Wawerzineks autobiografischem Buch, das im Herbst 2010 bei Galiani Berlin erscheinen wird, geht es um die Nöte eines Kindes, das von seinen Eltern in der DDR zurückgelassen wurde.

Im Waisenhaus wird er als zurückgeblieben eingestuft und von anderen wegen seiner Magerkeit als "Weberknecht" gehänselt. "Es schneit ins Wageninnere meiner Kindheitslimousine hinein. Schnee fällt innen wie außen. Mein Leben kennt keine andere Jahreszeit als den Winter", heißt es in dem erschütternden Text.

Der heute in Berlin lebende Schriftsteller studierte nach einer Lehre als Textilzeichner an der Kunsthochschule. Er brach das Studium jedoch ab und arbeitete danach in vielen Bereichen - unter anderem als Totengräber und Tischler, in den 80er Jahren als Performance-Künstler und Stegreifpoet. Den Preis nahm Wawerzinek am Sonntag sichtlich bewegt entgegen. Der Text sei "nicht perfekt und nicht makellos, sondern dem eigenen Lebensstoff im schmerzlichen Prozess abgerungen", erklärte Feßmann.

Der von der Stadt Klagenfurt gestiftete Hauptpreis, der mit 25.000 Euro dotiert ist, gilt als eine der wichtigsten Literaturehrungen im deutschsprachigen Raum. Er ist nach der in Klagenfurt geborenen Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973) benannt.

Die Preisträger von vier der insgesamt fünf vergebenen Auszeichnungen sind Deutsche. In diesem Jahr waren bei dem dreitägigen Vorlesemarathon 14 Teilnehmer am Start, darunter neun aus Deutschland.

Dass der gebürtige Rostocker jetzt ausgezeichnet wird, muss wie Balsam auf seiner Seele sein. "Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung", schreibt Wawerzinek zu Beginn des Textausschnittes, den er am Samstag in Klagenfurt vorlas. Doch: "Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern hineingeraten als mir lieb ist."

Seine Mutter trifft Wawerzinek nur ein einziges Mal wieder

Mit 55 Jahren ist Wawerzinek der bisher älteste Preisträger der begehrten Ehrung. 1954 als Peter Runkel in der ehemaligen DDR geboren, flüchteten seine Eltern in den Westen und ließen den Vierjährigen zurück. Nach zehn Jahren in staatlichen Kinderheimen wurde er schließlich adoptiert und wuchs an der Ostsee auf.

Die verlorenen Eltern belasteten weiterhin Wawerzineks Leben. Nach dem Mauerfall suchte und fand er seine Mutter. Es blieb aber bei einer einzigen Begegnung. Literarisch kommt Wawerzinek seinem Leid erst mit "Rabenliebe" wirklich auf die Spur.

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