Rolf Boysen
Ein rührender und dramatischer Abschied: Rolf Boysen verlässt die Bühne. (Archiv)

Ein rührender und dramatischer Abschied: Rolf Boysen verlässt die Bühne. (Archiv)

dpa

Ein rührender und dramatischer Abschied: Rolf Boysen verlässt die Bühne. (Archiv)

München (dpa) - Kurz nach dem Läuten betritt Rolf Boysen die Bühne mit festen Schritten. Er trägt einen grauen Anzug, verbeugt sich ohne ein Wort, setzt sich, holt seine Brille hervor und beginnt zu lesen.

Heinrich von Kleists «Über das Marionettentheater» hat er sich ausgesucht für seine letzte Lesung im Münchner Residenztheater, die unter dem Motto «Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten» steht. Außerdem wird er Briefe des Dichters vorlesen, die dieser kurz vor seinem Selbstmord geschrieben hat - und dessen Texte über das Theater.

Es sind Texte voller Scharfsinn und Ironie, Euphorie und Wut - Texte voller Leidenschaft für die Kunst, für das Drama. Fast könnte der Zuschauer zeitweise vergessen, dass der 91-Jährige nur rezitiert. Zu sehr hat auch er sein Leben und seine Leidenschaft dem Theater gewidmet.

«Ich finde, ein Mensch, der noch kein Theater gesehen hat, müsste verzweifeln», hat Boysen einmal in einem Interview des Bayerischen Rundfunks (BR) gesagt. Er hat antike Dramen gespielt, Shakespeare, deutsche Klassiker und zeitgenössische Stücke. Er war King Lear, Othello, Nathan der Weise und der Vater von «Emilia Galotti». Zuletzt stand er als Shylock in Shakespeares «Der Kaufmann von Venedig» auf der Bühne. Und nicht einmal an seinem großen Ehrentag, seinem 90. Geburtstag im vergangenen Jahr, konnte er sich von der Bühne fernhalten. Er las aus seinem Buch «Nachdenken über Theater». Auf die Frage, worauf es ankomme in der Schauspielerei, sagte er einmal: «Auf inneres Feuer».

Dieser Freitagabend im Münchner «Resi» markiert das Ende einer Ära - der Ära einer Theaterlegende. Jahrzehntelang hat Rolf Boysen das Theaterleben in München mitgeprägt - erst an den Kammerspielen, dann zehn Jahre lang im Bayerischen Staatsschauspiel. Jetzt muss er mit 91 Jahren abtreten. Unter dem neuen, österreichischen Intendanten Martin Kusej, der das Theater im Juli übernimmt, ist im Spielplan kein Platz mehr für Boysens Lesungen. Unter Kusej gehört er nicht mehr zum Ensemble.

Nach anderthalb Stunden ohne Pause, ohne einen Griff zum Wasserglas und ohne ein persönliches Wort an das Publikum heißt es am Freitagabend: Schluss, aus, vorbei. Tosender, minutenlanger Applaus. Immer wieder muss Boysen sich auf der Bühne zeigen, Zuschauer drücken ihm Blumen in die Hand; er wirkt berührt, fast ergriffen. Am Schluss gibt es auch Rosen vom scheidenden Intendanten Dieter Dorn. Einen kurzen Moment verharren die beiden in ihrer Umarmung, Dorn kämpft mit den Tränen. Jahrzehntelang haben sie in München zusammengearbeitet. Ein Satz, mit dem Boysen Kleist - einen von Dorns Lieblingsautoren - an diesem Abend zitiert, lautet: «Und so sei es denn genug».

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