Theater: Thomas Dannemann bringt das Barock-Epos auf die Bühne.

Jan-Peter Kampwirth als der junge Simplicissimus.
Jan-Peter Kampwirth als der junge Simplicissimus.

Jan-Peter Kampwirth als der junge Simplicissimus.

Klaus Lefebvre

Jan-Peter Kampwirth als der junge Simplicissimus.

Köln. Die spärliche Gemeinde findet sich in der Kirche ein. Der Boden ist strohbedeckt, alles ein wenig ärmlich. Ein Mann geht aus den Stuhlreihen zum Altar, kniet nieder und wird hinterrücks angefallen. "Aus Gewohnheit", wie der Angreifer sagt. Die Eröffnungsszene in Thomas Dannemanns Deutung von Grimmelshausens Barock-Roman "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" zeigt, wie die Gewalt sich nach 30 Jahren Krieg als Reaktionsmuster in den Menschen eingefressen hat.

Grimmelshausens 1668 erschienenes Epos wird heute vor allem als Epochenbild und Kriegsroman gelesen. Er ist aber auch Bildungs- und Schelmenroman, sein Held Individuum und Allegorie zugleich. Simplicissimus stolpert als tumber Parsifal durch den Krieg; er reüssiert zum Soldaten, Schauspieler, Don Juan und Ehemann, findet in der Unterwasserwelt eine Utopie, reist nach Moskau und Japan und beschließt sein Leben als Eremit.

Eine gewaltige Tour d’horizon, die der frühere Düsseldorfer Schauspieler Thomas Dannemann und das Autorenkollektiv Soeren Voima zu einer Szenenfolge verknappt haben, die ihre Spannung aus dem Gegenüber des erzählenden, alten Simplicissimus (Michael Weber) und seinem jugendlich-tumben Alter Ego (Jan-Peter Kampwirth) im Strampelanzug zieht.

Nach seiner Lehre bei einem Eremiten wird der tumbe Tor vom "Gubernator" von Hanau zum Narren erniedrigt. Bewegend, wenn er mit scheinbarer Einfalt den Pfarrer nach der Diskrepanz von Glaubensnormen und Kriegszielen befragt; oder sich als blödes Kalb ausgibt, das mit zwei Stöckchen herumstolziert und brutal die Wahrheit herauspräpariert.

Das Vorbild Jürgen Gosch ist unverkennbar

Dannemann entwickelt in der zum Kirchenraum (Bühne: Stéphane Lahmé) umgestalteten Halle Kalk seine Inszenierung zunächst mit viel Sinn für szenische Prägnanz. Das Vorbild Jürgen Gosch, in dessen "Macbeth"-Inszenierung Dannemann in der Titelrolle auftrat, ist unverkennbar.

Doch der Eindruck hält nicht vor. Die Schauspieler, von denen Thomas Meinhardt, Lina Beckmann sowie Thomas Dölle noch stellvertretend genannt seien, wechseln immer schneller die Rollen. Die Szenen werden kleinteiliger und kommen schließlich kaum noch über den Status einer Skizze hinaus.

3 ½ Stunden, Auff.: 5. bis 10. Februar; Schauspiel Köln/Halle Kalk, Info und Karten unter Tel.: 0221/221-28400.

Ob Simplicissimus Musketieren mit Allongeperücke begegnet oder nach seiner Befreiung zum gefürchteten "Jäger von Soest" samt saufendem Tross wird - am Ende strandet der Abend im Niemandsland des szenisches Allerleis. Erschöpfter Beifall.

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