Christoph Schlingensief, der große Unruhestifter und Kreativkopf, ist seinem Krebs erlegen.

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Christoph Schlingensief im März 2010 im Düsseldorfer Filmmuseum.

Christoph Schlingensief im März 2010 im Düsseldorfer Filmmuseum.

Schaller

Christoph Schlingensief im März 2010 im Düsseldorfer Filmmuseum.

Berlin. "Nach einem Sinn suchen? Ich versteh’s nicht" - eine der letzten öffentlichen Äußerungen von Christoph Schlingensief, im Endstadium seiner Krebserkrankung. Am Samstag ist der Film-, Theater- und Opernregisseur, der Aktionskünstler und Autor im Alter von 49 Jahren in Berlin gestorben. Im Oktober wäre er 50 geworden, dann sollten seine Memoiren erscheinen.

Diese dürften nicht eben schmal ausfallen, denn der Sohn eines Apothekers und einer Krankenschwester aus Oberhausen war immer atemberaubend produktiv. Grenzen waren für ihn nur dazu da, überschritten zu werden - er scherte sich nicht um Genres, Geschmack und die eigene Belastbarkeit.

Schräg, verspielt und medienwirksam waren viele seiner Aktionen. 1998 gründete er die Partei Chance 2000 und forderte die vier Millionen deutschen Arbeitslosen auf, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, um ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch das Ferienhaus von Helmut Kohl zu fluten. Es gab eine hübsche Aufregung, physikalisch entbehrte die Aktion jeder Grundlage. Doch Schlingensief schaffte es wie kein anderer, über die Kunstszene hinaus ins Bewusstsein der Menschen vorzudringen. Wer je etwas von ihm gesehen hat, vergisst es nicht.

Sein Krebsbuch heißt: "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein"

Doch Schlingensief konnte auch Hochkultur - in Bayreuth inszenierte er zwischen 2004 und 2007 den "Parsifal". Nachdem bei dem Nichtraucher 2008 Lungenkrebs festgestellt worden war, intensivierte er seine Arbeit noch, ging öffentlich mit seiner Krankheit um. 2009 schrieb er das Tagebuch "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein" und verabschiedete diesen alten "Halli-Galli-Christoph".

Nun drängten die großen Lebensthemen nach vorn. Im Februar legte er in Burkina Faso den Grundstein für sein afrikanisches Operndorf. Dann inszenierte er die Nono-Oper "Intolleranza" in Brüssel, Hamburg und Wien. Die Premiere von "S.M.A.S.H." bei der Ruhrtriennale musste er absagen. Weder die Uraufführung an der Berliner Staatsoper im Oktober noch den deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig 2011 konnte er noch realisieren.

Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele: "Du konntest reden, reden, reden, ganze Welten erschaffen in Worten, Sätzen, Gedanken. Du warst ein unversiegbarer Strom an Ideen, mit denen Du die Welt bereichert hast. Ich bin kein Mensch, der leicht weint. Aber wenn Du gehst, Freund, dann weint meine Seele."

Frank Baumeister, Theatermacher: "Schlingensief war ein großartiger Wachrüttler und hat uns alle irritiert, wenn wir es uns wieder mal so richtig bequem gemacht hatten."

Elfriede Jelinek, österreichische Literaturnobelpreisträgerin, würdigte Schlingensief als "einen der größten Künstler, der je gelebt hat": "Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre."

Schlingensief-Zitate "Tief in meinem Innern glaube ich, dass es sich noch um zwei oder drei Jahre handelt, die ich auf der Erde bin. Ist komisch, aber das spüre ich so."

In seinem "Tagebuch einer Krebserkrankung", 2009

"Wir sind kein dekadenter Rotwein-Scheiß."

Über sein Operndorf-Projekt in Burkina Faso, Februar 2010

"Bayreuth ist ein Regiment von Leuten, ich bezeichne die mal als eine kleine faschistische Armee, man wird dort überwacht und abgehört und so weiter."

In der ARD-Talkshow "Beckmann" über seine Erfahrungen bei den Bayreuther Festspielen, April 2009

"Merkel hat definitiv kein Kulturverständnis und auch von Wagner keine Ahnung, auch wenn sie ständig in Bayreuth herumlatscht."

Pressekonferenz, April 2009

"Ich kann nicht abstreiten, dass ich eine gewisse Angst habe. Das ist ja nicht unbegründet."

Vor der Premiere seiner "Parsifal"-Neuinszenierung in Bayreuth, Juni 2004

"Kunst kennt keine Sieger, also breche ich die Veranstaltung ergebnislos ab."

Bekanntgabe des Publikumspreises der Nationalgalerie für Junge Kunst in Berlin, September 2005

"Hiermit möchte ich Sie recht herzlich bitten, nicht zu meiner Premiere zu kommen, da wir sonst nicht denken können."

Einladung an die Medien, Juni 2004

Ein privates Anliegen hat er rechtzeitig umgesetzt. Im vorigen Sommer hat er seine langjährige künstlerische Mitarbeiterin Aino Laberenz geheiratet. Am Samstag ist er, wie sie sagt, "im Kreis seiner Familie" gestorben.

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