Nuran D. Calis holt am Schauspiel Essen „Krankheit der Jugend“ in die Gegenwart.

Barbara Hirt als depressive Desiree (vorn), im Hintergrund Marie (Nadja Robiné).
Barbara Hirt als depressive Desiree (vorn), im Hintergrund Marie (Nadja Robiné).

Barbara Hirt als depressive Desiree (vorn), im Hintergrund Marie (Nadja Robiné).

Arno Declair

Barbara Hirt als depressive Desiree (vorn), im Hintergrund Marie (Nadja Robiné).

Essen. Was bringt junge Menschen dazu, aus dem Leben zu fliehen? Ist es Angst vor der Zukunft oder die fehlende Vision für eine Zukunft? Als Ferdinand Bruckner in den 20er Jahren sein Drama "Krankheit der Jugend" schrieb, sah er eine Generation, die sich nicht mehr auf feste Werte verlassen konnte. Desorientiert taumeln die Studenten durch ihre letzten Semester, anfällig für Drogen, Liebesillusionen oder für eine Ideologie, die ihnen verspricht, als künftige Elite den Anderen überlegen zu sein.

Nuran David Calis hat vor zwei Jahren mit großem Erfolg Wedekinds "Frühlings Erwachen" in eigener Bearbeitung auf die Bühne gebracht. Das Junge Schauspielhaus in Düsseldorf hat diese Version sogar nachgespielt. Er habe sich immer schon überlegt, wie diese liebesverwirrten Halbwüchsigen weiterlebten, sagt der junge Regisseur und Autor, so habe sich Bruckners Stück als Fortsetzung angeboten. Während Bruckner die Studenten aber distanziert wie Fallstudien ausstellte, holt Calis sie zu sich und zu uns heran und macht ihre inneren Kämpfe plausibler.

Ein Experiment, wie weit man Menschen manipulieren kann

Drei angehende Ärzte stehen im Mittelpunkt. Sie sind begabt und tüchtig; vielleicht sogar zu sehr, denn langsam macht sich eine innere Leere bemerkbar. Marie spürt sie erst, als ihr Freund, der Germanistikstudent und angehende Dichter, sich ihrer mütterlichen Fürsorge plötzlich entzieht. Freder überspielt die Leere mit Machtproben. In der Mensa-Gehilfin Lucy findet er ein geeignetes Objekt für sein Experiment, wie weit man einen Menschen manipulieren kann. Wie Anna König diese Lucy zwischen naiver Hingabe und Schmerz den Zärtlichkeiten und Aggressionen des Freder von Nicola Mastroberardino ausliefert, gehört zu den eindrücklichsten Szenen der dichten und glänzend gespielten Aufführung.

Desiree kann ihre Verzweiflung nicht mehr überspielen. Zwar gelingt es ihr, Marie sexuell zu erobern, aber auch das erfüllt sie nicht: Sie greift bewusst zu einer Überdosis Veronal. Modell für diese Figur könnte die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) gestanden haben, deren kurzes Leben zwischen genialen Höhenflügen und tiefen, drogengesättigten Löchern schwankte. Wie Desiree kam sie aus einer reichen Familie, begehrte Frauen (zum Beispiel Erika Mann) und fand Trost bei Freunden, die ihren Weltschmerz teilten (wie Klaus Mann).

Annemarie Schwarzenbach ist in den vergangenen Jahren zu einer Art Kultfigur geworden, Bruckners "Krankheit der Jugend" wird wieder häufiger gespielt. Sind Todessehnsucht und Weltflucht auch Probleme der heutigen Jugend? Nuran David Calis sieht die Ursache der inneren Leere indes nicht im Fehlen von verbindlichen Werten, sondern in zuviel Ehrgeiz.

Auff.: heute, 18. 2. und 13., 20. März

 

"Annemarie Schwarzenbach - Eine beflügelte Ungeduld", Biographie von Dominique Laure Miermont, Ammann Verlag 2008, 456 S., 34,90 Euro

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