Gelungener Auftakt: Christian von Treskow bringt „Eine Billion Dollar“ als Uraufführung auf die Bühne.

„Eine Billion Dollar“: Szene der Uraufführung.
„Eine Billion Dollar“: Szene der Uraufführung.

„Eine Billion Dollar“: Szene der Uraufführung.

Michael Hörnschemeyer

„Eine Billion Dollar“: Szene der Uraufführung.

Wuppertal. Wer mit viel Geld und reichlich Rauschmitteln für Theater sorgt, hat entweder gut geerbt oder Fluchtgedanken. Letztere braucht Christian von Treskow nach dem vergangenen Wochenende nicht zu haben, auch wenn Wuppertals neuer Schauspiel-Chef "Eine Billion Dollar" nicht in realen Banknoten, sondern nur als Textvorlage verarbeiten konnte.

Der 41-Jährige tritt gemeinsam mit Johannes Weigand (Oper) das Erbe von Ex-Generalintendant Gerd Leo Kuck an und setzt gleich zu Beginn ein deutliches Zeichen: An den Wuppertaler Bühnen beginnt die Saison nicht mit einem klassischen Drama, sondern mit zwei Literaturberarbeitungen - mit einer Uraufführung ("Eine Billion Dollar"), die die Machtgelüste der globalen Wirtschaftswelt enttarnt, und einer Premiere ("Der Futurologische Kongress"), die den Selbstbetrug einer Gesellschaft entlarvt, die sich mit Pillen berauscht, belügt und betäubt. Was ist da noch Wirklichkeit, was Einbildung?

Kleine Bühne mit großer Nähe: Das neue Ensemble nutzt die Plattform

Ganz einfach, die Realität sieht so aus: Während der große Saal seit neun Monaten geschlossen ist, weil auf Geld für die geplante Renovierung gewartet wird, gibt es nun eine kleine Bühne im Wuppertaler Schauspielhaus.

Christian von Treskow weiß den intimen Rahmen des Foyers für seine Zwecke zu nutzen: Zum Auftakt hat der neue Hausherr zwei Stücke ausgewählt, deren Handlung utopisch ist, aber doch sehr gegenwärtig wird. Denn die kleine Spielstätte hat einen großen Vorteil: Das Publikum sitzt nah dran, in der ersten Reihe sogar auf Augenhöhe mit dem neu zusammengesetzten Ensemble.

Auch deshalb ist die erste Wahl eine gute: Gregor Henze spielt zwar die Hauptrolle, doch Thomas Melles Bühnenfassung bietet auch anderen Ensemblemitgliedern eine Plattform, auf der sie sich in gut verteilten Einzel- und Zweier-Szenen vorstellen können. Keiner fällt negativ auf, aber Einzelne wie Daniel Breitfelder und Sophie Basse stechen positiv heraus.

Die Produktion (drei Stunden, eine Pause) ist am 2. und 22. Oktober, 19 Uhr, und am 3. und 4. Oktober, 18 Uhr, zu sehen. Karten-Tel: 0202/569-4444.

Die Inszenierung (100 Minuten, keine Pause) wird wieder am 29. und 30. September, jeweils 20 Uhr, präsentiert.

Weshalb die Geschichte um einen Pizzaboten, der unverhofft eine Billion Dollar erbt, ausgerechnet in einer Sporthalle spielt, erschließt sich höchstens dadurch, dass sie Christian von Treskow bewegungs- und temporeich in Szene setzt. Egal, ob Finanzmanager, Frauen oder falsche Freunde: Jeder, der John (Gregor Henze) ausnutzen will, macht auf seine Art Klimmzüge - an Barren, Bock und Turnstange.

"Der Futurologische Kongress": Das Jahr 2039 lässt grüßen

Henze gibt den Neu-Reichen in leisen Facetten: John wandelt sich vom einfältigen Jungen zum globalen Zins-König, bleibt aber total überfordert, weil er trotz aller Dollar nicht genug Freiheit hat, um Armut und Hunger einzudämmen. Besonders schön und treffend sind die tanzartigen Bewegungen, die genau aufeinander abgestimmten Gesten und rhythmischen Sprachkaskaden, die aus dem Ensemble immer wieder einen Chor machen und eines ganz klar zeigen: Auf den verhinderten Weltverbesserer prasselt zu viel herein - zu viel Geld, zu viel Druck, zu viel Information.

Andreas Eschbachs mehr als 800 Seiten starker Entwicklungsroman ist fesselnd bis zur Mitte. Auch bei der Bühnenfassung wird es zwischendurch etwas zäh: Szenen, in denen finanzielle Strukturen bis ins Detail seziert werden, könnten straffer sein. Trotzdem schaffen es die Schauspieler, den Spannungsbogen zu halten. Schnell wechseln sie zwischen erzählenden Passagen und Dialogen.

Dass es bei beiden Stücken etliche Versprecher gibt, liegt an der Textdichte. Auch "Der Futurologische Kongress" ist ein modernes Gedankenspiel. Raumpilot Tichy (Andreas Möckel) reist zu einem Weltkongress, landet in einem Aufstand der hungernden Bevölkerung, wird schwer verletzt und wacht im Jahr 2039 wieder auf.

Im Jahr 2009 macht Regisseur Eike Hannemann aus Stanislaw Lems Science-Fiction-Erzählung (1971) kein klassisches Theaterstück, sondern ein Potpourri aus skurrilen Kurzszenen, bei dem sich vieles im Kopf der Zuschauer abspielt - ein Abend wie ein Rausch, mit vielen Filmanleihen und witzigen Einfällen.

Bleibt ein ernst gemeintes Lob: Der Auftakt war mutig - und gelungen. Wenn der reichliche Beifall Zinsen bringt, hat die Spielstätte eine gute Zukunft vor sich. Ein Video zum neuen Kleinen Schauspielhaus gibt es unter:

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