Interview: Der NRW- Kulturstaatssekretär hatte mit der Choreografin schon über ihren Nachlass gesprochen.

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Eine Szene aus dem neuen Stück von Pina Bausch, das am 12. Juni seine Uraufführung feierte. Gestern wurde bekannt, dass die Choreografin posthum den Theaterpreis „Faust“ für ihr Lebenswerk erhält.

Eine Szene aus dem neuen Stück von Pina Bausch, das am 12. Juni seine Uraufführung feierte. Gestern wurde bekannt, dass die Choreografin posthum den Theaterpreis „Faust“ für ihr Lebenswerk erhält.

Uwe Schinkel

Eine Szene aus dem neuen Stück von Pina Bausch, das am 12. Juni seine Uraufführung feierte. Gestern wurde bekannt, dass die Choreografin posthum den Theaterpreis „Faust“ für ihr Lebenswerk erhält.

Herr Grosse-Brockhoff, wird es ein Tanztheater Wuppertal auch ohne Pina Bausch geben?

Grosse-Brockhoff: Das ist die Frage, der man sich jetzt widmen muss. Ich habe sie Pina Bausch schon vor zwei Jahren gestellt, und wir waren darüber im Gespräch, wie man ihr Werk auch über ihre Lebenszeit hinaus führen kann. Wir haben oft darüber gesprochen, und sie hat gesagt, ich muss noch darüber nachdenken.

Wann zuletzt?

Grosse-Brockhoff: Ich war noch vor 14 Tagen mit ihr auf der Museumsinsel Hombroich, um ihr Räume zu zeigen, wo ihr Nachlass - also ihre Videomitschnitte, Aufzeichnungen, Kostümentwürfe etc. - gelagert werden könnte. Und da haben wir uns über die Gründung einer Stiftung unterhalten, die über künftige Aufführungen ihrer Kreationen wacht. Aber wir sind da nie zu einem Ergebnis gekommen.

Ich habe ihr auch die Frage nach einem Nachfolger gestellt. Damals hat sie gesagt: "Einer, der Stücke in meinem Sinne kreiert, das sehe ich kaum. Aber ich könnte mir vorstellen, jemanden zu bestimmen, der über die bisherigen Werke wacht und sie in meinem Sinne aufführt." Weiter sind wir leider nicht gekommen. Jetzt muss man mit den Erben verhandeln, aber ich finde, das muss man jetzt nicht öffentlich in den Vordergrund stellen.

Das Land gibt fast eine Million Euro pro Jahr für das Tanztheater Wuppertal. Wird es das Geld auch weiterhin geben?

Grosse-Brockhoff: Wir geben das Geld weiter, bis sich die Dinge geklärt haben. Ich glaube, dass jetzt in der ganzen Welt ein Run auf das Werk von Pina Bausch losgeht. Und es wird viele Möglichkeiten der Tourneen geben, die dem Namen Pina Bausch in aller Welt noch einmal Gewicht geben. Insofern gibt es keinen Anlass für uns zu sagen: Da ziehen wir uns jetzt zurück.

Das Wuppertaler Tanztheater nur noch als Abspielstätte für alte Stücke kann man sich aber auch nicht auf Dauer vorstellen, oder?

The New York Times: "Ihrer Company, Tanztheater Wuppertal, muss alle Bewunderung zuteil werden für seine vielen außerordentlichen Aufforderungen, die sie auf der Bühne in vielfältiger Weise darboten: mit erregender Direktheit, böser List, exaltierter Eleganz und manischer Getriebenheit. Der einfachste Weg den Verlust zu spüren ist zu bedenken, dass es künftig keine Bausch-Stücke mehr geben wird, über die man redete." The Guardian, London: "Die düstere Vision der deutsche Choreografin veränderte das Gesicht des Tanzes in Europa." lefigaro, Paris: "Pina Bausch empfiehlt sich. Die Kaiserin des deutschen expressionistischen Tanzes ist gestorben. Kein Künstler hat seit dem Krieg den Tanz und das Theater so beeinflusst wie sie." Libération, Paris: "Pina Bausch, ein Stern erlischt." El País, Madrid: "Die Tanzkunst verliert eine Göttin."

La Repubblica, Rom: "Addio an den Picasso des Tanzes, der Fellini und Almodóvar verzauberte (...) Pina Bausch ist die Choreographin, die den Tanz neu erfunden hat - sie gehört zu den Künstlern, bei denen es ein Vorher und ein Nachher gibt: Wie bei Wagner in der Musik, Picasso in der Kunst, Joyce in der Literatur." Kommersant, Moskau: "Mit ihrem Tod riss das letzte Glied in der Kette der großen Tradition des deutschen Expressionismus der 1930er Jahre, der auf wundersame Weise alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebte." Iswestija, Moskau: "Für viele Menschen in der Welt waren Bauschs Inszenierungen wie eine Therapie. Pina selbst wirkte mit ihrem geheimnisvollen Lächeln wie ein weiser Doktor, der genau weiß, was und wie er zu heilen hat." Frankfurter Allgemeine: "Dafür wurde Pina Bausch von ihrem Publikum geliebt, dass sie Stücke erfand mit ihren Tänzern, die von jeder einzelnen Frau und von jedem einzelnen Mann im Parkett zu handeln schienen. Die Einsamkeit des Paares miteinander und das Unglück der Verlassenen."

Süddeutsche Zeitung: "Etwas war neu und anders, die Freiheit, das Innere nach außen zu kehren, eine erschütternde Expressivität, wie sie im Nachkriegsdeutschland, wo man sich in der Musik und auch im Tanz aus Angst vor allem (falschen) Pathos gern in Formalismen flüchtete, niemand wagte - auch nach 1968 nicht." Die Welt: "Von Wuppertal aus eroberte sie mit ihrem Tanztheater die Welt. (Sie war) die wichtigste Choreografin des neuen Tanzes, eine der kostbarsten Ikonen der Kunstwelt, der einzige deutsche Weltstar auf dem Gebiet der darstellenden Künste. Natürlich hoffen wir, dass das Tanztheater Wuppertal seine Schöpferin und Leiterin lange überlebt. Einfach wird das nicht werden." Spiegel online "Die Geschichte ihres Erfolges ist auch eine Geschichte der Beharrlichkeit. Und der Treue. Zur eigenen Überzeugung und zu Wuppertal, dieser Provinzstadt, die für immer mit dem Namen von Pina Bausch verbunden sein wird. Sie wurde eine der erfolgreichsten und beständigsten Exportartikel für die deutsche Gegenwartskultur."

Grosse-Brockhoff: Nein. Das kann man sich jetzt mal für ein paar Jahre vorstellen. Aber irgendwann ist das eine tote Geschichte, da muss man realistisch sein. Übrigens war da auch Pina Bausch immer sehr realistisch.

Die Idee eines Archivs scheint schon konkret gewesen zu sein.

Grosse-Brockhoff: Ja, damit wollten wir jetzt anfangen. Die Museumsinsel Hombroich stand noch nicht fest. Das müssen wir jetzt alles mit den Erben besprechen. Pina hat gesagt, dass ihr die Räume dort gut gefallen. Sie hatte immer eine Affinität zu Karl-Heinrich Müller, dem Gründer der Museumsinsel. Er hatte auch als erster die Idee, dort ein Pina- Bausch-Archiv einzurichten.

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