Proteste vor der Premiere. Foto: Angelika Warmuth
Proteste vor der Premiere. Foto: Angelika Warmuth

Proteste vor der Premiere. Foto: Angelika Warmuth

dpa

Proteste vor der Premiere. Foto: Angelika Warmuth

Hamburg (dpa) - Die einen nennen es Gotteslästerung, schreiben Drohbriefe, demonstrieren und reichen Klage ein. Die anderen nennen das Stück «Gólgata Picnic» aufrüttelnd und voll suchenden Glaubens. In Hamburg bleib der Skandal beim umstrittenen Gastspiel der Lessingtage aus.

Mit Rosenkranzgebeten und «Vaterunser», christlichen Liedern und Lichtern in den Händen verharren bis zu 60 Menschen in Dunkelheit, Kälte und Regen vor der Studiobühne des Hamburger Thalia Theaters. «Nein zu Blasphemie», steht auf einem Schild, das eine Frau trägt. «Wir sind hier, weil es uns wehtut», sagt Alois Brühwiler von der erzkonservativen katholischen Piusbruderschaft. «Weil man die Kreuzigung hier spöttisch behandelt - die Szene ist der Inbegriff unseres Lebens.» Der von Polizei begleitete friedliche Protest richtet sich gegen ein Gastspiel bei den Hamburger Lessingtagen: Rodrigo Garcías Performance «Gólgota Picnic».

Als das drastische religions- und konsumkritische Werk zweieinhalb Stunden später im ausverkauften Haus störungsfrei vor 200 Besuchern über die Bühne gegangen ist, setzt kurzer, kräftiger Beifall ein. Es folgt ein angeregtes Publikumsgespräch mit Intendant Joachim Lux, Jesuitenpater Hermann Breulmann (Katholische Akademie Hamburg) und dem sechsköpfigen Ensemble. «Das Stück war schon starker Tobak, aber es hat was», sagt Breulmann. Der große Skandal, für den die Inszenierung des Centro Dramático Nacional (Madrid) und des Théatre Garonne (Toulouse) etwa vor einigen Wochen in Paris gesorgt hat, ist in Hamburg ausgeblieben - an der Seine sollen 4000 Gläubige Gebetswachen und Demonstrationsmärsche abgehalten haben.

Dabei war das Thalia im Vorfeld der Aufführung ins Visier konservativer bis ultrakonservativer Kräfte geraten. Im Internet und «in mehr als 500 E-Mails», so eine Sprecherin, hatten sich Schreibende über Gotteslästerung, Pornografie und Volksverhetzung empört. Viele verlangten die Absetzung der Aufführung. Die Piusbruderschaft hatte sogar gerichtliche Schritte angedroht. Wenige Stunden vor Vorstellungsbeginn war der Versuch eines Hamburger Bürgers gescheitert, das Gastspiel per Verwaltungsgericht zu verhindern. Kein Wunder, dass die Intendanz einen privaten Sicherheitsdienst für den Abend engagierte.

Garcías Projekt stellt sich dar als berserkerhaft eigenwillige, wortreiche und körperbetonte Variation des Abendmahls. Große Themen wie menschliche Einsamkeit und Billigkonsumwahn sind dabei plakativ aufbereitet. Auf Tausenden von Hamburger-Brötchen, deren Geruch dem Publikum penetrant in die Nase steigt, veranstalten vier Männer und eine Frau ein Camping-Picknick. Sie trinken Whiskey, binden sich Gemüse um den Kopf, entkleiden sich, besprühen einander mit Farbe, vermengen ihre fast nackten Leiber unter Stöhnen zu orgiastischen Gebilden. Pausenlos schleudern sie in spanischer Sprache Sätze ins Publikum, deren Übersetzung als Obertitel zwar nachzulesen, aber in der Geschwindigkeit kaum aufnehmbar ist. Die Szenen erscheinen außerdem als großformatige Videoprojektion.

Die Frau trägt als Ganzkörpermaske den nackten Leib mit dem Lendentuch des Gekreuzigten. Auf der Leinwand schwebt sie zu dröhnendem Lärm in Form einer Fallschirmspringerin als gefallener Engel gen Erde. Jesus habe «Propaganda für die Perversion» gemacht, «Er schaffte es nicht, mit sich selbst in Frieden zu leben», «Nicht einmal ein Schokoladeneis wusste er zu genießen», «Er war ein AIDS-Messias» - mit solch betont provokanten Aussagen wüten die Darsteller. «Gott ist eine linguistische Finte», lautet ein anderer Satz. Nach gut eineinhalb Stunden verblüfft «Gólgota Picnic» mit einem Bruch. Überwältigend klangschön, zart und verinnerlicht gestaltet ein nackter Pianist (Marino Formenti) am Flügel Joseph Haydns «Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze».

«Also, ich hab's großartig gefunden», resümiert ein 60 Jahre alter Theaterbesucher, «erst ist der Abend so voll von tiefen, suchendem Glauben - und dann plötzlich das Finden.» Auch der Thalia-Intendant erkennt in der Arbeit des Argentiniers keine Blasphemie. Vielmehr sei das «ein Abend, der moralisch letztendlich aufrütteln will - im Sinne derer, die protestieren», sagte Lux in einem Interview.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer