In jedem Lacher schwingt der blanke Horror mit – „The Homefront“ in Krefeld.

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Szenenbild aus „The Homefront“ mit (v.l.) Sean (Frederik Leberle), Vater Dinny (Sven Seeburg) und Blake (Ronny Tomiska).

Szenenbild aus „The Homefront“ mit (v.l.) Sean (Frederik Leberle), Vater Dinny (Sven Seeburg) und Blake (Ronny Tomiska).

Matthias Stutte

Szenenbild aus „The Homefront“ mit (v.l.) Sean (Frederik Leberle), Vater Dinny (Sven Seeburg) und Blake (Ronny Tomiska).

Krefeld. Wenn die Zuschauer den Saal betreten, laufen auf der Bühne schon die Vorbereitungen für das grausame Spiel. Blake (Ronny Tomiska) und Sean (Frederik Leberle) putzen die schäbige Wohnung, der Vater (Sven Seeburg) macht sich frisch für den großen Auftritt. Tag für Tag spielt er hier mit seinen Söhnen die Sünden der Vergangenheit nach, als groteske Schmierenkomödie, Manifest der Tyrannei und kollektive familiäre Gehirnwäsche.

Das Stück, das sie seit 20 Jahren in ihrer Hochhauswohnung in London proben, handelt vom Tag, an dem ihr Leben auseinanderbrach: Hals über Kopf flohen sie aus Irland und ließen ihre Ehefrau und Mutter dort zurück.

Was damals wirklich geschah, weiß allein der Vater: Seinen Söhnen hat er mit Beharrlichkeit, Jähzorn und Gewalt, Dosenbier und irischem Folk jene Fassung eingebläut, die aus Kostümen, Perücken und falschen Bärten besteht. Sie beginnt übrigens mit der Behauptung, dass die verstorbene Oma von einem umherwirbelnden toten Pferd erschlagen wurde, das ein Motorboot zuvor von der Weide gefegt hatte.

Absurditäten wie diese und die turbulenten Rollenwechsel der Söhne machen "The Homefront" von Enda Walsh zu einem eigentlich lustigen Stück, doch eins von der Sorte, in der bei jedem Lacher der blanke Horror mitschwingt.

Ein starkes Stück mit doppelbödigen Rollen

In der deutschen Erstaufführung am Theater Krefeld-Mönchengladbach liegt das vor allem an Sven Seeburg, der als Vater eine enorme körperliche Brutalität ausstrahlt. Nichtigkeiten lassen ihn explodieren, brüllen, um sich schlagen. Gleich danach erklärt er weinerlich, warum er seine Söhne einsperrt, missbraucht und in Endlosschleife mit dem eigenen Trauma quält. Er raubt ihnen die Erinnerung und jedes schöne Bild, das sie von der Außenwelt hatten: "Außer dieser Geschichte, die wir spielen, gibt es nichts", sagt Blake. "Keine Bilder. Keine Träume. Nur Wörter."

So ähnlich wie dieser Mann muss ein reales Ungeheuer wie Josef Fritzl ticken, selbstgerecht, mitleidlos und unberechenbar. Nicht nur seine Söhne, auch die Zuschauer lässt Seeburg nicht aus den Klauen: Selbst in der Pause bleibt er sitzen und wartet, bis sie in den Saal zurückkehren.

Jetzt hält das brillant gebaute Stück des Iren Enda Walsh (Dramaturgie: Vera Ring) noch eine Überraschung bereit: Es klingelt an der Tür, und Hayley (Floriane Kleinpaß) betritt die Szenerie, die Kassiererin, die Sean täglich im Supermarkt trifft, beim Einkauf, dem einzig erlaubten Ausflug nach draußen. Sie stört die Routine, lässt das Lügengebilde zusammenfallen und eröffnet Sean die Chance, sich zu befreien - doch das Spiel muss weitergehen.

Erst der lange Schlussapplaus scheint die Schauspieler in die Realität zurückzuholen, so intensiv hat Regisseur Dominik Günther sie gefordert, durch ihre doppelbödigen Rollen gestoßen und über das dreistöckige Bühnenbild (Heike Vollmer) gehetzt. Es ist ein harter Kraftakt, auch für die Zuschauer: So unbehaglich ist Theater selten, aber das Leben ist schließlich keine Vorabendserie.

Krefeld, Fabrik Heeder. 2., 13., 18., 20. und 26. Juni. Karten: 0 21 51/805 125.

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