Ravenhill-Stück hat deutsche Erstaufführung in Düsseldorf.

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Alex trifft sich mit einem Soldaten aus einem Computerspiel.

Alex trifft sich mit einem Soldaten aus einem Computerspiel.

Hoppe

Alex trifft sich mit einem Soldaten aus einem Computerspiel.

Düsseldorf. Gestrandete im Flughafen, gleich hinter der Sicherheitsschleuse: Warten sie auf einen Flug oder suchen sie hier Schutz? "Warum bombardiert ihr uns!" bricht es aus ihnen heraus, den Blick verzweifelt zum Himmel (zu den Überwachungskameras?) erhoben. Im Chor flehen sie: "Bitte tut uns nichts! Wir sind die Guten!"

Die Guten, das sind die Anständigen - die Wohlhabenden und Wohlmeinenden. Nicht ohne bissige Ironie stellt der britische Erfolgsdramatiker Mark Ravenhill die Angst der westlichen Gesellschaft vor den Terroristen und den Armen auf der Bühne aus. Mit abgründiger Komik spielen Ulrike Arnold und Daniel Graf ein Ehepaar in Beziehungskrise, das sich in die Idee rettet, in einer abgeschotteten Gemeinschaft Schutz zu suchen, sich einzuzäunen vor dem "Abschaum" auf der Straße. Söhnchen Alex soll nichts mitbekommen von der Gewalt, sei sie in der privaten Beziehung oder in der Welt.

Aber Alex (Markus Danzeisen) trifft sich nachts (im Traum?) mit einem Soldaten aus seinem Computerspiel-Repertoire, der unbedingt seinen Kopf streicheln will. Thiemo Schwarz ist ein Avatar mit menschlichen Zügen, der dem Jungen die Lust am Kriege ebenso vermittelt wie seine Ängste. Einen Schutz gibt es also auch im Kinderzimmer nicht. Der polnische Regisseur Jan Klata packt Ravenhills Szenenfolge mit dem Titel "Shoot / Get treasure / Repeat" in eine sinnvolle theatralische Klammer, unterstützt vom kalten Bühnenraum Justyna Lagowskas, den Kostümen und Videos von Mirek Kacmarek und den Choreographien von Macko Prusak.

Die Wartenden suchen sich nach Sprengstoff ab, jeder ist verdächtig!

Die Menschen im Flughafen sind in eine Gemeinschaft gezwungen, und doch versucht jeder nur sich selbst zu retten. So hilft niemand der Frau, die plötzlich von einem Agenten verhört und gefoltert wird (eindrücklich: Meriam Abbas und Gunther Eckes). Alle schauen weg, als ein Krebskranker plötzlich durchdreht, sich und seinen Freund bedroht (Matthias Fuhrmeister und Pierre Siegenthaler spielen intensiv das Geplänkel, das sich zur Todesangst steigert). Immer wieder suchen sich die Wartenden selbst nach Sprengstoff ab, jeder ist verdächtig!

Die fast durchweg überzeugende Inszenierung ist nicht ohne Zynismus. Der zeigt sich sogar in der Begleitung durch die "Neue Düsseldorfer Hofmusik", die das Geschehen mit Gesängen von Claudio Monteverdi unterbricht und begleitet. Die wunderschönen Liebes- und Klagelieder gewinnen noch der schmerzlichsten Situation einen ästhetischen Genuss ab. Aber auch das ist nur in der privilegierten Situation einer Wohlstandsgesellschaft möglich.

Dauer 2 Stunden, ohne Pause Nächste Termine: 24.1., 18 Uhr (mit Kinderbetreuung); 3. und 19.2., 19.30 Uhr 4.2., 19 Uhr Karten: 0211 / 6 99 11.

In der letzten Szene setzen sich alle Schauspieler (vortrefflich auch: Lisa Arnold, Christiane Rossbach, Michael Schütz und Alexander Steindorf) an die Rampe und schwärmen davon, wie Kunst einen Heilungsprozess in Gang setzen kann. Kultur als Hilfe für Völkerverständigung und strukturschwache Regionen: ein kleiner Seitenhieb auf die pathetischen Parolen von Ruhr 2010.

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