Zwei Historiker beleuchten die Gleichschaltung der Narren im Dritten Reich.

In der Mainzer Fastnacht wurden NS-Fahnen am Zugwegrand angebracht.
In der Mainzer Fastnacht wurden NS-Fahnen am Zugwegrand angebracht.

In der Mainzer Fastnacht wurden NS-Fahnen am Zugwegrand angebracht.

Herbig-Verlag

In der Mainzer Fastnacht wurden NS-Fahnen am Zugwegrand angebracht.

Köln. Im Karneval werden die Regeln der Sachlichkeit außer Kraft gesetzt, normale Hierarchien auf den Kopf gestellt und die Politik aufs Korn genommen. Die von vielen Karnevalisten verbreitete Legende, auch im Dritten Reich diesen Freiraum gehabt zu haben, hielt sich eine lange Zeit.

Tatsächlich aber hatten sich deutsche Karnevalisten vom NS-Regime instrumentalisieren lassen: In ihrem Buch "Alaaf und Heil Hitler - Karneval im Dritten Reich" beleuchten die Kölner Historiker Dietmar und Marcus Leifeld die Rolle des Karnevals in Zeiten des Nationalsozialismus, der Anpassung und des vorauseilenden Gehorsams. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Narren von der Diktatur im Dritten Reich weitgehend gleichgeschaltet wurden.

Strenge Vorzensur beidenBüttenreden

All diejenigen, die aus der Sicht der Nationalsozialisten nicht zur Volksgemeinschaft gehörten, wurden unerbittlich ausgegrenzt. Ganz besonders galt dies für jüdische Mitbürger, die auf Mottowagen oder in Liedtexten diffamiert wurden. 1934 zogen die Karnevalisten im Kölner Rosenmontagszug beispielsweise mit einem Wagen durch die Straßen, der die antisemitische Parole "Die Letzten ziehen ab" trug.

Widerstand gegen die Gleichschaltung gab es nach den Untersuchungen der Autoren kaum. Wer sich als Redner oder Karnevalist nicht den neuen Richtlinien der Diktatur anpassen wollte, wurde massiv unter Druck gesetzt. Einige regimekritische Narren bezahlten dies sogar mit ihrem Leben. Schon bevor es ein Verbot der "Glossierung der Führer in Staat und Gemeinde" gab, wurde im Februar 1933 in der Kölner Prinzengarde verkündet, dass "die Führer der amtlichen Stellen selbstverständlich in ihren Reden unangetastet" bleiben müssten.

Ende 1933 legten neue Vorschriften fest: "Strenge Vorzensur der Büttenreden ist einzuführen. Geistlosigkeiten sind zu unterbinden. Die Führer von Reich, Staat und Gemeinde dürfen keiner Kritik unterzogen werden." Die Themen der Büttenreden sollten sich "der von der Reichsregierung verfolgten Politik" anpassen.

Carl Dietmar, geboren 1949, ist Historiker und Journalist. Er wurde 2005 mit dem Köln-Literatur-Preis ausgezeichnet. Marcus Leifeld, geboren 1968, studierte Geschichte und Kunstgeschichte. Er hat zahlreiche Arbeiten zur Geschichte des rheinischen Karnevals veröffentlicht.

Carl Dietmar, Marcus Leifeld: Alaaf und Heil Hitle - Karneval im Dritten Reich, Herbig Verlag, 224 Seiten, 24.95 Euro.

Nur wenige Karnevalisten trotzten der vom Regime geforderten "Entpolitisierung des Karnevals". Karl Küpper nimmt in der Erinnerung der Kölner eine solche Ausnahmestellung ein - weil er in den 1930er Jahren zu den wenigen gehörte, die sich als Büttenredner nicht in den Dienst der NS-Ideologie nehmen ließen. Küpper las den neuen Machthabern die Leviten und verspottete selbst den Hitler-Gruß. Er hob gelegentlich den rechten Arm und fragte das Publikum "is et am rääne?" - regnet es?

Diese Art von Respektlosigkeit führte dazu, dass er zu den beliebtesten Rednern der Zeit gehörte. Seine Popularität schützte ihn zunächst, mehrfach wurde er aber verwarnt. Erst 1939 brachte eine seiner Geschichten das Fass zum Überlaufen: Nach dem Besuch eines Pfälzer Hotels konterte er auf den Eintrag eines SA-Mannes "von Konnersreuth mit Diener" mit dem Satz "von Küpper mit Koffer".

Und weil er gehört hatte, dass der "SA-Wichtigtuer" am nächsten Morgen pünktlich aufstehen müsse, schlich sich Küpper frühmorgens angeblich auf den Hotelflur, schlug die Fersen zusammen und brüllte "Deutschland, erwache!" 1939 erteilten die Behörden Karl Küpper schließlich ein "lebenslängliches Redeverbot".

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