Interview: Günther Uecker spricht über den Kunstmarkt, seine Arbeit – und auch über das Beten.

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Günther Uecker vor einem seiner Nagel-Werke. Heute feiert der Künstler seinen 80. Geburtstag.

Günther Uecker vor einem seiner Nagel-Werke. Heute feiert der Künstler seinen 80. Geburtstag.

dpa

Günther Uecker vor einem seiner Nagel-Werke. Heute feiert der Künstler seinen 80. Geburtstag.

Düsseldorf. Günther Uecker wird heute 80 Jahre alt und arbeitet noch immer wie ein junger Mann. Im November erhält er eine große Retrospektive in New York. Seine Ausstellung "Der geschundene Mensch" befindet sich seit 1993 auf Welttournee und hat demnächst die 48. Station in St. Petersburg. Er stellt in Lhasa, Teheran und Budapest aus. Und im nächsten Jahr soll es auch die erste, große Schau in seiner Wahlheimat Düsseldorf geben.

Herr Uecker, der Kunstmarkt interessiert sich verstärkt für Ihr Werk. Wie finden Sie das?

Günther Uecker: Er interessiert sich schon immer für mich. Wenn man aber jetzt auf Auktionen für ein kleines Werk von mir rund eine Million zahlen muss, dann ist das ziemlich eindrucksvoll.

Wer organisiert Ihre Schauen?

Uecker: Ich selber, wer denn sonst. Die Texte und Fotos besorgt meine Frau Christine.

Sie brauchen keine Mitarbeiter?

Uecker: Ich brauche niemanden. Ab und zu ist Arkadi Bronstein da, ein früherer Student von mir aus Moskau. Er arbeitet mit Holz und macht Rahmen.

Sie könnten doch viel mehr schaffen, wenn Sie Helfer hätten?

Uecker: Die Kunst hat ihre Begrenzung. Was ich nicht selbst tun kann, das wird nicht getan und das muss auch kein anderer tun.

Gibt es Themen, die Sie erschüttern?

Uecker: Ich mache gerade ein Buch mit Christa Wolf für die nächste Leipziger Buchmesse. Sie hat einen Text nach dem Desaster in Tschernobyl geschrieben, ich habe dazu Aschebilder gemacht. Das Buch nennt sich "Störfall".

Sie machten 1994 mit Ihrem "Brief an Peking" Furore, als Sie eine Ausstellung mit beschriebenen Tüchern zu den Menschenrechten planten, die Peking zunächst absagte. Welche Rolle spielt die Schrift bei Ihnen?

Uecker: Mich interessiert die Gratwanderung zwischen Sprache, Schrift und Bild. Wo die Sprache versagt, beginnt das Bild.

Sie stellen in der Hauptstadt von Tibet aus. Was fasziniert Sie am asiatischen Raum?

Uecker: Die Gebetswirklichkeit. Ich bin in der DDR atheistisch aufgewachsen. In dieser Ideologie befangen, empfinde ich den Glauben verschiedener Kulturen als anziehend. Die tibetische Welt ist mystisch. Das gilt auch für die Turkvölker, die im Sufi-Tanz eine meditative Erfahrung haben. Wenn sie, aber auch Christen und Juden keine Gottesnähe mehr herstellen würden, wären wir verloren. Was die Welt ist, zeigt sich im Beten.

Ist das Einschlagen von Nägeln eine meditative Handlung?

Uecker: Der Nagel wirft einen Schatten. Dadurch hat er einen Zusammenhang mit dem Kosmos. Der Schatten wäre nicht, wenn nicht die Sonne wäre.

Wie sehen Sie als Reisender durch die Welt die Deutschen?

Uecker: Wir sind wohlstands-steppdeckengebettet. Wir sind etwas zum Hinterhof der Welt geworden, weil wir die realen Umstände nicht nachvollziehen. Wir schätzen zum Beispiel China falsch ein, wo es sehr viel zu beklagen gibt, aber wo der Entwicklungsprozess sehr geschwind ist.

Sie wohnen seit 1954 in Düsseldorf. Was hält Sie hier?

Uecker: Die Stadt verkörpert Weltoffenheit und hat einen sehr nahe gelegenen Flughafen. Ich wohne im Stadtteil Oberkassel, einer Halbinsel im Rhein. Der Rhein hat mich veranlasst, hier zu bleiben, weil es ein starker Strom ist.

Wie gewinnen Sie Ihre Kraft?

Uecker: Durch Offenheit. Indem ich allem gegenüber offen bin, verwandle ich mich auch.

Noch eine Frage zu Zero, jener Gruppierung nach dem Krieg, der Sie eine zeitlang angehörten. Was war daran inspirierend?

Uecker: Der Dialog. Es war eine Herausforderung, die eigenen Arbeiten zu reflektieren. Ich habe analytisches Denken und Sprachfähigkeit erworben.

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