Oliver Möller (l) und Pascal Riedel in «Der Stellvertreter». Foto: Arno Declair/Volkstheater München
Oliver Möller (l) und Pascal Riedel in «Der Stellvertreter». Foto: Arno Declair/Volkstheater München

Oliver Möller (l) und Pascal Riedel in «Der Stellvertreter». Foto: Arno Declair/Volkstheater München

dpa

Oliver Möller (l) und Pascal Riedel in «Der Stellvertreter». Foto: Arno Declair/Volkstheater München

München (dpa) - Bewegend, beklemmend und in starken Bildern ist das Drama «Der Stellvertreter» im Münchner Volkstheater über die Bühne gegangen.

Ausgerechnet Intendant Christian Stückl, der auch 2010 die Passionsspiele in Oberammergau leitete, hat die Geschichte eines jungen Paters in Szene gesetzt, der während des Holocausts vergeblich versucht, Papst Pius XII. zu einer öffentlichen Stellungnahme zu bewegen. Das Publikum quittierte die dreistündige Inszenierung des Stücks von Rolf Hochhuth mit minutenlangem Applaus.

Die Uraufführung des Dramas 1963 in Berlin hatte eine kontroverse Debatte über die Rolle der katholischen Kirche in der NS-Zeit ausgelöst. Auch Stückls Inszenierung stellt die Frage nach der Kirche als moralischer Instanz so eindringlich, dass im Publikum angespannte Stille herrscht. Wie kann eine Kirche, deren Stellvertreter angesichts der Verbrechen des Holocausts schweigt, moralische Instanz sein? Der Stoff an sich ist nicht zuletzt angesichts der Holocaust-Leugnung durch den britischen Bischof Richard Williamson hochaktuell, aber auch die Inszenierung selbst transportiert das Thema mitten in die Gegenwart.

Auf der Bühne stehen mehrere Tische, darauf stapeln sich Bücher, Dokumente, ein Laptop. Zwei junge Männer - gespielt von Pascal Riedel und Pascal Fligg - recherchieren und debattieren flapsig bei Burger, Cola und Zigaretten über die Rolle des Papstes während des Holocausts. Anfangs klären sie Grundfragen wie «Wo liegt dieses Auschwitz überhaupt?», ein geschmackloser Judenwitz fällt. Die Beschäftigung mit den antisemitischen Gräueltaten versetzt die beiden dann jedoch buchstäblich in die Zeit des Nationalsozialismus zurück.

SS-Funktionäre, Geistliche und deportierte Juden tauchen zwischen den Tischen auf, die Studenten werden selbst zu Akteuren in Hochhuths Dramenhandlung. Riedel wütet und zürnt verzweifelt und mitreißend als Pater Riccardo, jener Geistliche, der den Papst dazu bewegen will, sich öffentlich gegen den Holocaust zu stellen. Das tägliche Leiden und Sterben tausender Juden wird nicht nur durch Max Wagners emotionale, schonungslos detailgenaue Rolle als Obersturmführer Gerstein in packender Weise dargestellt, sondern auch durch Kristina Pauls Rolle als verschleppte und später kaltblütig erschossene Jüdin.

Eine großartige und höchst brisante Doppelrolle spielt Oliver Möller: Er verkörpert den diabolisch-irren SS-Arzt, der die Tötung von Juden mit frenetischer Begeisterung betreibt, ebenso überzeugend wie den weltentrückten Papst Pius XII., der starräugig und schlafwandlerisch eine offizielle Stellungnahme gegen den Holocaust verweigert.

Vor dem immergleichen Bühnenbild prallen Meinungen und Charaktere aufeinander, Tische fliegen, Regen durchnässt das Bühnenbild. Nach knapp drei Stunden springt das Stück in die Gegenwart zu den beiden Studenten inmitten der völlig verwüsteten Szenerie. «Was kümmert mich der Stellvertreter? Wo war eigentlich sein Chef?» fragt Riedel, durchnässt, zitternd mit nacktem Oberkörper. Die Daten in seinen Büchern haben für ihn die Geschichte zum Leben erweckt - Stückls Inszenierung des «Stellvertreters» schafft das auch.

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