Wim Wenders Rede: „Sie hat mit dem Herzen gesehen bis zur Verausgabung.“

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Wim Wenders im Wuppertaler Opernhaus: Er bezeichnete Pina Bauschs Tod als historischen Verlust.

Wim Wenders im Wuppertaler Opernhaus: Er bezeichnete Pina Bauschs Tod als historischen Verlust.

Uwe Schinkel

Wim Wenders im Wuppertaler Opernhaus: Er bezeichnete Pina Bauschs Tod als historischen Verlust.

Wuppertal. Dieser Blick. Aus großen, neugierigen Augen sah Pina Bausch leicht verträumt in die Welt hinein. Mit diesem Blick habe sie tief in die Menschen hinein gesehen. Mit diesem traurigen Blick, der stets bereit gewesen sei zu einem Lächeln.

Für den Filmemacher Wim Wenders liegt in Pina Bauschs Augen der Schlüssel zu ihrem Wesen und zu ihrer Kunst. In einer berührenden, ja poetischen Rede erinnerte er bei der Trauerfeier im Wuppertaler Opernhaus vor 780 geladenen Gästen an die große Künstlerin, die am 30. Juni einem Krebsleiden erlegen war.

Die Veranstaltung wurde auf einer LED-Wand im Engelsgarten live übertragen. Die Anteilnahme war überwältigend: Aus aller Welt waren Freunde und Wegbegleiter angereist, um Abschied zu nehmen. Hatte die Beerdigung doch schon Wochen zuvor im kleinen Kreis stattgefunden.

Ein großes Medienaufgebot erwartete die Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kunst, darunter der Regisseur Pedro Almodovar, Christina Rau und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Die internationale Tanzszene war versammelt, etwa Susanne Linke, Sascha Waltz, Anne Teresa de Keersmaeker und Alain Platel.

Ihnen allen muss Wim Wenders aus der Seele gesprochen haben: "Für jeden war sie jemand anderes. Mutter, Frau, Freundin, Vertraute, Tänzerin, Choreografin, Theaterleiterin, ewige Zweiflerin, unermüdliche harte Arbeiterin, fürsorgliche Vorgesetzte, bescheidener Weltstar, Kettenraucherin." Eines aber teilten alle miteinander: die Wahrnehmung jenes Blickes. Aus Misstrauen dem Wort gegenüber habe Pina Bausch ihre Augen geschärft für Bewegungen.

Menschen durchschauen, wenn man sie beim Tanzen beobachtet

Die Tänzerin und Choreografin, die seit 1973 trotz zahlreicher anderer Angebote in Wuppertal tätig war, revolutionierte mit ihrem Ensemble den Tanz. Stücke wie "Café Müller" von 1978 wurden zu Meilensteinen eines neuen Tanztheaterstils.

Das Wuppertaler Tanztheater gehört zu den international begehrtesten deutschen Kulturexporten. Tourneen brachten das Ensemble auf alle Kontinente. In mehr als 40 Ländern gab es über 300 Gastspiele, neben den jährlich rund 30 Aufführungen in Wuppertal.

Sie habe eine "Phänomenologie der Gesten" geschaffen, eine "Deutung der conditio humana" wie nie jemand zuvor. Der Regisseur erzählte, dass er in seiner schüchternen Lebensphase zu den Eckenstehern in Diskotheken gezählt habe und zu einem Freund einmal sagte: "Man kann Menschen durchschauen, wenn man sie beim Tanzen beobachtet." Diesen Sinn habe Pina Bausch bis zur äußersten Empfindsamkeit entwickelt.

Ihre scheinbare Abwesenheit habe nichts anderes bedeutet, als dass sie sich nicht ablenken lassen wollte. Das Schöne, das Spielerische, das Kind in einem Menschen habe sie interessiert. Ihre Kunst sei es gewesen, aus jedem das Beste hervorzuholen und sichtbar zu machen.

Pina Bauschs Tod bezeichnete Wenders als historischen Verlust. Sie habe "mit dem Herzen gesehen bis zur Verausgabung". Wenders appellierte an die Zuschauer, den Schatz von Pinas Blick weiter in sich zu tragen. Nach den Reden kamen Pina Bauschs Tänzer, darunter alte Wegbegleiter, zu Wort. Sie tanzten wie nie zuvor.

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