Rolf Hochhuth führt sein Anti-Kriegsstück in der Urania auf.

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Rolf Hochhuth, 78, am Sonntag in Berlin.

Rolf Hochhuth, 78, am Sonntag in Berlin.

dpa

Rolf Hochhuth, 78, am Sonntag in Berlin.

Berlin. Wochenlang spukte die Fehde zwischen Rolf Hochhuth und Claus Peymann durch den Medienwald. Es ging um die Verfügungsgewalt über das Theater am Schiffbauerdamm, aber es ging auch um die Aufführung eines Theaterstücks. Die Premiere von "Sommer 14" in der Urania, einer Ausweichspielstätte, gebar eine kleine, piepsende Maus. Man könnte das Kreißen des Berges kommentarlos als eine Sommerfarce zu den Akten legen, wenn es sich bei den Streithähnen nicht um zwei so wichtige Persönlichkeiten der Kulturszene handelte.

Vor 20 Jahren bestellte Peymann, damals Chef am Wiener Burgtheater, zum 100-jährigen Bestehen seines Hauses ein Stück bei Hochhuth, das den europäischen Imperialismus am Ende der Kaiserzeit geißeln sollte. 1990 kam "Sommer 14" im Wiener Akademietheater zur Uraufführung.

Ein Panorama, das die Blindheit und Skrupellosigkeit der Mächtigen in einer lockeren Szenenfolge schilderte, von Berlin nach Sarajewo und Belgrad bis Wien und Paris. Die Waffenfabrikanten in den USA und die Erfinder der Giftgasbomben wurden ebenso angeklagt wie die kleinen gedungenen Attentäter, die Emile Zola oder Jean Jaurès ermordeten. Ein großer Erfolg.

Der Autor und Regisseur ist auch noch sein eigener Souffleur

Zum 95. Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkrieges schlug Hochhuth Peymann vor, das Stück erneut aufzuführen. Der lehnte ab. Der Streit eskalierte. Die erstarrten Fronten erinnerten an Becketts "Endspiel". Hier der noch auf dem Intendantenstuhl thronende Hamm, dort der scharrende und keine Ruhe gebende Clov.

Die Premiere in der Urania entwarf ein noch gespentischeres Beckett-Szenario. Mit großem finanziellen Aufwand produzierte der gekränkte Autor alles aus eigener Tasche. Er zeichnet für Regie, Bühnenbild, Kostüme, die Besetzung, Technik, Probenarbeit, Unterbringung und Verköstigung des gesamten Teams verantwortlich. Er streicht den 400- Seiten-Text auf drei Stunden und lässt das Ensemble ohne Anleitung in der Atmosphäre einer Schulaula in atemlosem Tempo hölzerne Texte aufsagen.

"Totentanz" nennt Hochhuth sein Stück. Dieser Titel bewahrheitet sich vollends, wenn man ihn bei der Aufführung beobachtet. Er sitzt, sein eigener Souffleur, in der ersten Reihe, hat das dicke Buch in der Hand und liest jedes Wort mit, das die Schauspieler auf der Bühne aufsagen. Seine Lippen bewegen sich rastlos. Wenn ein Akteur eine Pause macht, um dem nicht endenden Wortschwall eine Zäsur zu verleihen, ruft er den Text hinauf und heizt ihn an, schneller und immer schneller zu sprechen.

Zwischen den elf ausgewählten Szenen treten makabre Gestalten vor den roten Samtvorhang und rezitieren, am Piano begleitet, Bänkelverse, die den Tod und die Gräuel des Krieges beschwören. Man versteht sie kaum, weil ihnen keiner gezeigt hat, wie man Couplets vorträgt. Das ist ein Totentanz, der an "Krapps letztes Tonband" erinnert. Ein alter Mann, der nur noch in Erinnerungen lebt, die Zeit zurückdrehen will und sich nicht eingestehen mag, dass das Ende schon gekommen ist.

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