Viele Bühnen in NRW stecken in der Krise: Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff über Sparzwänge, Fusionen und den Stolz der Bürger.

NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff sieht die Städte in der Verantwortung.
NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff sieht die Städte in der Verantwortung.

NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff sieht die Städte in der Verantwortung.

Dieter Alsleben

NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff sieht die Städte in der Verantwortung.

WZ: Herr Grosse-Brockhoff, am Theater Krefeld-Mönchengladbach befürchtet Intendant Jens Pesel massive Qualitätsverluste, in Essen droht laut Intendant Anselm Weber die Schließung des Schauspiels, Oberhausen steckt in einer Dauerkrise, und was aus dem Wuppertaler Schauspiel wird, steht in den Sternen. Wird Ihnen manchmal Angst und Bange um die Theaterlandschaft in NRW?

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff: Sorgen mache ich mir - aber das seit nunmehr 25 Jahren. Im Übrigen reden in Essen weder Politik noch Kommunalaufsicht von Schließung. Das ist eine Dramatisierung, die ich für überzogen halte.

Heißt das, die Situation ist heute die gleiche wie vor 25 Jahren?

Grosse-Brockhoff: Das Thema begleitet uns schon lange, und es hat immer wieder Lösungen gegeben. Momentan gibt es allerdings eine Verschärfung, und das beschäftigt mich zunehmend. Ich führe viele Gespräche und übernehme verstärkt Vermittlerrollen.

"Krefeld-Mönchengladbach ist eines der am wirtschaftlichsten arbeitenden Theater in Deutschland."

Wie bedroht ist die NRW-Theaterlandschaft wirklich?

Grosse-Brockhoff: Das kommt darauf an, welche Sparpolitik die Städte betreiben, wie sie Schwerpunkte setzen. Sparen kann nicht heißen - und das gilt auch für unsere Kommunalaufsicht -, dass immer im so genannten freiwilligen Bereich gespart wird. Ich glaube, dass man auch bei der Erledigung mancher Pflichtaufgaben sehr wohl sparen kann. Und da sind Krefeld und Mönchengladbach in den letzten Jahren erheblich energischer ran gegangen als zum Beispiel Oberhausen.

Das Land ist stolz auf die Verdopplung seines Kultur-Etats, gleichzeitig setzt die Kommunalaufsicht im Kulturbereich enge Sparzwänge. Wie passt das zusammen?

Grosse-Brockhoff: Das sind zweierlei Themen. Wir erleben eine allgemeine Krise vieler kommunaler Haushalte. Der Kultur-Etat des Landes kann aber nicht zur Sanierung dieser Haushalte beitragen. Trotz der Verdopplung ist der Kultur-Förderetat des Landes etwa so groß wie der Kultur-Etat der Stadt Köln. Wenn wir nun anfangen würden, notleidenden Theatern besondere Zuschüsse zu geben, wären sofort alle kommunalen Theater notleidend, dafür würde die Kommunalpolitik schon sorgen. Die Verdopplung des Kultur-Etats ist keine Rettung für kommunale Theater.

Was ist sonst die Rettung? Vielleicht Fusionen, wie sie für Essen/Oberhausen diskutiert werden?

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff ist seit 2005 Staatssekretär für Kultur in Nordrhein-Westfalen. Der 59-Jährige war zuvor unter anderem Kulturdezernent und Stadtdirektor in Neuss und Düsseldorf. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Viele Theater in NRW stecken in der Krise. In Krefeld und Mönchengladbach gab es eine monatelange Debatte um die Finanzen, Intendant Jens Pesel befürchtet künstlerische Einschnitte. In Essen hat Intendant Anselm Weber vor wenigen Tagen in einem offenen Brief vor einer Schließung der Schauspielsparte gewarnt. Eine Fusion mit dem chronisch kränkelnden Oberhausener Theater wird diskutiert. Auch in Wuppertal ist die Zukunft der Schauspielsparte ungewiss.

Grosse-Brockhoff: Das kommt auf den Einzelfall an. Wir werden keiner Stadt eine Theater-Schließung oder eine Fusion vorschreiben. Da herrscht Einigkeit mit der Kommunalaufsicht. Ich denke aber, dass es sich in Essen anbietet, über so eine Lösung nachzudenken - zumindest dann, wenn sie zu einer Stärkung des Theaters führt. Aber es müsste eine Fusion auf Augenhöhe sein. Und ich sähe darin keine Schwächung der Kulturhauptstadt Essen.

Krefeld und Mönchengladbach haben seit 1951 ein funktionierendes Fusionstheater. Hat es Sie überrascht, dass gerade dort eine Diskussion losgebrochen ist?

Grosse-Brockhoff: Ja, damit hatte ich nicht gerechnet. Dieses Haus ist eines der am wirtschaftlichsten arbeitenden Theater in Deutschland. Und ich würde mir im Umgang damit etwas mehr von dem republikanischen Geist wünschen, den es früher in unseren Städten gab, ein Gefühl von: Das ist unser Theater, von uns Bürgern erarbeitet, nicht von irgendeinem Fürsten ererbt. Diesen Stolz würde ich mir wünschen.

Stattdessen haben wir eine Debatte auf ganz niedrigem Niveau.

Grosse-Brockhoff: Auch ich habe manches Zitat mit Stirnrunzeln gelesen.

Die Unternehmensberatung Actori hat dem Theater Investitionen in den Bereichen Werbung und EDV empfohlen. Die Politik hat beschlossen, genau dort zu sparen. Was halten Sie davon?

Grosse-Brockhoff: Da redet das Land den Kommunen nicht rein. Wenn ich um Rat gefragt werde, gebe ich Antwort, aber sicher nicht über die Zeitung.

Gleichwohl mahnt Actori vor einer "Abwärtsspirale". Was bedeutet das für die Städte?

Grosse-Brockhoff: Ich kann der Politik nur empfehlen, sich intensiv mit den Argumenten des Gutachtens zu befassen.

"Bei der Spitzenförderung wird kein Theater hinten runterfallen."

Eine Expertenkommission hat im Sommer empfohlen, das Land soll einige wenige "Staatstheater" fördern. Was wird aus der Idee?

Grosse-Brockhoff: Wir werden sicher so bald keine "Staatstheater" einführen. Aber der Landtag hat soeben beschlossen, den Häusern in Essen und Köln für drei Jahre einen Sonderzuschuss zu geben und Vorschläge zu erarbeiten, wie man in eine qualitätsbezogene Förderung einsteigen kann, ohne Gelder für die anderen Theater zu kürzen. Das finde ich einen richtigen Weg. Für NRW ist es jedenfalls ein Novum.

Manche fürchten, dabei könnten viele Theater hinten runterfallen.

Grosse-Brockhoff: Hinten runterfallen wird keiner. Manche werden mehr bekommen, andere das Gleiche wie bisher. Wettbewerb hat schon immer das Geschäft belebt - alter Kaufmannsgrundsatz.

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