Walter Jens 2003 in seinem Haus in Tübingen (Baden-Württemberg). Fotograf: Marijan Murat Foto: Marijan Murat
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Walter Jens spricht im Dezember 1979 auf dem SPD-Parteitag in Berlin. Foto: Fritz Fischer

dpa, Bild 1 von 2

Walter Jens 2003 in seinem Haus in Tübingen (Baden-Württemberg). Fotograf: Marijan Murat Foto: Marijan Murat

Tübingen (dpa) - Der Publizist und Philologe Walter Jens ist tot. Er starb am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren, wie sein Sohn Tilman Jens am Montag der Nachrichtenagentur dpa mitteilte.

Walter Jens war schwer demenzkrank, konnte schon seit Jahren nicht mehr reden und nicht mehr schreiben. Politiker, Schriftsteller und Weggefährten würdigten Jens als herausragenden Intellektuellen und streitbaren Demokraten. «Walter Jens hat sich mit seinem Lebenswerk große Verdienste um unser Land erworben», schrieb Bundespräsident Joachim Gauck in einem Beileidsschreiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte: «Seine Stimme war über Jahrzehnte richtungsweisend in den großen Geistesdebatten, auch den großen politischen Debatten unseres Landes.»

Der emeritierte Tübinger Rhetorikprofessor und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste war in Wort und Schrift als kämpferischer Wächter der Demokratie hervorgetreten und hatte wie kaum ein anderer die tolerante Streitkultur in der Bundesrepublik geprägt. Vielen galt er als moralische Instanz. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) nannte ihn einen «engagierten Demokraten», der die Kulturpolitik Deutschlands wie kaum ein anderer geprägt habe. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte: «Unser Land verliert mit Walter Jens eine herausragende Persönlichkeit, einen Intellektuellen, der auch im politischen Diskurs etwas zu sagen hatte - und dies auszudrücken wusste.»

Intellektuelle müssten sich einmischen und warnen, lautete sein Credo. Der gläubige Christ galt als die Verkörperung des klassischen «homme de lettre» und war gleichzeitig ein engagierter Radikaldemokrat in Gestalt des ungemein belesenen «gelehrten Dichters».

Er demonstrierte gegen die Nachrüstung in der Bundesrepublik ebenso wie gegen den Irak-Krieg und meldete sich auch zur Rechtschreibreform und zur deutschen Einheit zu Wort. «Juden und Christen in Deutschland» und «Feldzüge eines Republikaners» heißen Werke von Jens und könnten für sein Leben stehen, das er in den Dienst der Aufklärung stellte. Ein Schatten fiel auf seine Vita, als 2003 seine NSDAP-Mitgliedschaft bekanntwurde, an die er sich nach eigener Aussage nicht mehr erinnern konnte.

Von 1963 bis 1988 hatte Jens den bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard-Karls-Universität-Tübingen inne. Von 1976 bis 1982 war er Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik und von 1989 bis 1997 Präsident der Berliner Akademie der Künste, deren Ehrenpräsident er wurde.

Seit 1947 schrieb Jens Romane, Essays, Dramen und Hörspiele und gehörte der legendären Schriftsteller-«Gruppe 47» an. Er erzählte die Odyssee nach, übersetzte den Römerbrief des Neuen Testaments, widmete sich dem «Fall Judas» und schrieb zuletzt zusammen mit seiner Frau Inge Jens, die auch die Tagebücher von Thomas Mann edierte, die Bücher «Frau Thomas Mann» und «Katias Mutter», die Bestseller wurden. Der leidenschaftliche Fußballfan war zeitweise auch als Fernsehkritiker «Momos» in der «Zeit» tätig.

Sein langjähriger Weggefährte, der katholische Theologieprofessor Hans Küng (85), verabschiedete sich mit persönlichen Worten von Walter Jens: «Ich habe ihn geschätzt als treuen und couragierten Freund gerade in der schwierigsten Zeit meines Lebens, der Auseinandersetzung mit Rom.» Küng würdigte Jens als Meister der Sprache, unerschrockenen Kämpfer für Demokratie und aufrechten kritischen Christenmenschen.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte: «Mit ihm verliert Deutschland einen großen Intellektuellen und brillanten Rhetoriker und Berlin einen großen und verlässlichen Freund.» Imre Török, Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller (in ver.di), erklärte: «Die Stimme eines streitbaren Humanisten und Pazifisten, eines wortgewaltigen Kritikers und Autors ist für immer verstummt.» Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) betonte, Jens habe die Gesellschaft als engagierter Demokrat, Pazifist und Schriftsteller entscheidend geprägt. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) sagte: «Heute trauern wir nicht nur um den Gelehrten, sondern auch um den Menschen Walter Jens, den Tübinger Bürger.»

Die Trauerfeier für Jens soll am Montag kommender Woche in der Tübinger Stiftskirche stattfinden. Anschließend werde Jens auf dem Stadtfriedhof beerdigt, teilte der Evangelische Kirchenbezirk Tübingen mit. Bei der Trauerfeier werde auf Wunsch der Familie auf Nachrufe verzichtet. Stattdessen soll das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart erklingen.

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