Charlotte Link ist seit Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen.

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Charlotte Link.

Charlotte Link.

Charlotte Link.

Düsseldorf. Ihre Fans, zum Großteil Frauen, können die psychologischen Spannungsromane der 45-Jährigen kaum aus der Hand legen. Jetzt (28.8.) legt Link mit "Das andere Kind" neues Lesefutter für schlaflose Nächte vor.

WZ: Frau Link, Sie haben bereits 15 Millionen Bücher verkauft, einige Ihrer 17 Romane wurden verfilmt. Sehen Sie da den Reaktionen auf das neue Buch gelassen entgegen?

Charlotte Link: Das ist gemischt. Durch den Erfolg, den ich bisher hatte, habe ich natürlich Sicherheit gewonnen. Gleichzeitig verursacht das auch Druck. Deshalb bin ich immer etwas nervös. Ein Buch schreibt man ja nicht nach einem Rezept - wenn alle Zutaten stimmen, funktioniert es einfach. Man weiß letztlich nie: Treffe ich den Nerv des Lesers?

WZ: "Das andere Kind" spielt, wie einige Ihrer vorherigen Romane, in England. Dabei würde diese Geschichte, die mit der "Kinderlandverschickung" im Zweiten Weltkrieg beginnt, auch in Deutschland funktionieren.

Link: Das kann sein, aber ich bin durch eine englische Geschichte zu diesem Buch angeregt worden. Ich las den Bericht einer Engländerin, die sich daran erinnerte, wie sie als kriegsverschicktes Kind mit anderen auf einer Wiese saß, und Erwachsene sich Kinder aussuchten, die sie mit nach Hause nehmen wollten. Diese Szene hat mich berührt. Ich wusste, dass sie eines Tages in einem Roman von mir auftauchen würde.

WZ: In Ihrem Roman geht es um eine verdrängte Schuld, die Jahrzehnte später in einer Katastrophe endet. Das ist auch in anderen Ihrer Bücher schon ein zentrales Motiv gewesen. Warum?

Link: Hier ist aber etwas neu: Die verdrängte Schuld hat mit den eigentlichen Protagonisten nichts zu tun. Ich fand es spannend zu zeigen, wie sich so etwas sogar bis zur Enkel-Generation auswirken und das Leben damals Unbeteiligter beeinflussen kann. Das Thema Schuld ist eines, das uns alle betrifft. Jeder hat Momente in seinem Leben, in denen er Weichen stellen muss, die große Auswirkungen haben und im Rückblick für einen selbst und andere nicht immer richtig waren. Damit muss man umgehen.

WZ: Die Prägung der Kindheit zieht sich auch durch Ihr Buch. Zwei Frauen, die im gleichen Umfeld aufwachsen und Freundinnen sind, entwickeln sich gegensätzlich: Die eine bleibt mit ihrem alten Vater auf einer einsamen Farm zurück, die andere macht Karriere in der Stadt. Warum entwickeln sich die beiden so unterschiedlich?

Link: Ich bin davon überzeugt, dass man nicht nur durch Umstände geprägt wird, sondern ein großes Stück eigene Kraft und Verantwortung hat, was man aus seinem Leben machen will. Für mich sind Kindheit und Lebensumstände nicht immer und unbedingt eine Entschuldigung für Versäumnisse im Leben. In vielen Fällen lassen sich auch unter den widrigsten Umständen noch Wege für ein selbstbestimmtes Leben finden.

WZ: Männer werden in "Das andere Kind" vornehmlich durch einen gefühlsarmen, verstockten Senior und einen charmanten Tunichtgut vertreten. Die weiblichen Figuren sind wesentlicher für die Handlung und auch viel facettenreicher charakterisiert. Spiegelt das Ihr Rollenbild oder ist das dichterische Freiheit?

Link: Sie haben Recht, in diesem Roman haben die Männer eher undankbare Rollen. Aber das hat sich durch die Handlung ergeben und nichts mit meinem Männerbild zu tun. Außerdem kann ich mich als Frau natürlich auch besser in Frauen einfühlen.

WZ: Die Vermarktung Ihres Buches beginnt jetzt, sie haben es aber bereits vor Wochen abgeschlossen. Haben Sie schon neue Ideen im Kopf?

Link: Nein, ich habe ja anderthalb Jahre mit den Figuren im Buch gelebt, und sie sind noch sehr präsent für mich. Ich brauche immer zwei bis drei Monate, bis ich den Kopf wieder frei habe. Dann schließe ich damit aber komplett ab. Ich lese auch keines meiner Bücher später nochmal.

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