Schriftsteller schreibt kurz vor seinem 70. Geburtstag über die Toilette als Asylort.

Literatur
Bei Peter Handke geht es natürlich immer um alles – die Existenz und das Schreiben. Aber Ironie kann er auch.

Bei Peter Handke geht es natürlich immer um alles – die Existenz und das Schreiben. Aber Ironie kann er auch.

dpa

Bei Peter Handke geht es natürlich immer um alles – die Existenz und das Schreiben. Aber Ironie kann er auch.

Düsseldorf. An Peter Handke kommt dieses Jahr keiner vorbei. Nicht mal in Düsseldorf. Mag man da auch seit der peinlichen Posse um den Heinrich-Heine-Preis nicht mehr gern an ihn erinnert werden – 2006 sollte ihm die Auszeichnung erst zu–, dann wieder abgesprochen werden, weil er eine Rede am Grab von Serbenführer Slobodan Milosevic gehalten hatte. Am Ende verzichtete Handke auf den Preis.

Am 6. Dezember steht sein 70. Geburtstag an. Gleich drei Bücher erscheinen im Vorfeld. Bevor Anfang November sein „Notizbuch Nr. 4“ und „Der Briefwechsel“ mit Siegfried Unseld herauskommt, hat er gerade „Versuch über den Stillen Ort“ veröffentlicht.

Der Schriftsteller legt sich in der Bahn regelmäßig mit der Polizei an

Seit 1990 lebt Handke im französischen Chaville. Ein stiller Ort, wie man meinen möchte. Ab und an fährt er mit der Vorortbahn ins nahe Paris und bekommt dabei, wie er im Interview unlängst erzählte, schon mal Ärger mit der Polizei, weil er seine Füße aufs Polster (und auf eine Zeitung) legt. Zweimal habe er deswegen Strafe zahlen müssen. Als ob die nichts Besseres zu tun hätten. „Ich geh da sofort auf hundert hinauf!“ Ein Beamter zog sogar die Pistole. „Da ist viel Frustration bei diesen jungen Typen.“

So kennen wir Handke. So lieben wir Handke. Auch im aktuellen Buch, mit dem er an die „Versuchs“-Reihe der Jahre 1989 bis 1991 („Versuch über die Müdigkeit“, „Versuch über die Jukebox“, „Versuch über den geglückten Tag“) anknüpft, gibt sich der Österreicher provokant. Ist mit dem stillen Ort doch nicht Chaville gemeint, sondern der Stille Ort – ja, wirklich die Toilette!

„Nicht wenige Bücher habe ich gelesen, viele Photos habe ich betrachtet als Vorarbeit für diesen Versuch über den Stillen Ort. Aber kaum etwas davon hat in diesem seinen Platz gefunden.“ Es geht wie so oft bei Handke monomanisch um ihn selbst. Weil „Literatur nur dann verbindlich wird“, wie er einmal sagte, „wenn sie in die äußerste Tiefe des ICH hineingeht“.

Das Örtchen bot immer wieder Zuflucht für ganz verschiedene Nöte

Peter Handke, geb. 1942 im österreichischen Griffen, schaffte mit dem Stück „Publikumsbeschimpfungen“ 1966 den Durchbruch. Seitdem hat er zahlreiche Preise, 1973 auch den Büchner-Preis, gewonnen. Zu den bekanntesten Werken zählen „Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter“ (1970) und „Wunschloses Unglück“ (1972). Zuletzt erschien im Frühjahr das Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“.

Peter Handke: „Versuch über den Stillen Ort“; Suhrkamp, 110 Seiten, 17,95 Euro.

Er erzählt vom Örtchen des Großvaters in Kärnten, auf dem das Klopapier aus slowenischen Zeitungen gerissen war. Wie er sich als Junge am ersten Tag im Internat in die Hosen machte und auf eine abgelegene Toilette flüchtete. Oder Jahre später „in einer Art Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt“ die Nacht auf dem Bahnhof von Spittal an der Drau verbracht hat, nachdem er mit Seesack von daheim losmarschiert war.

Weit über seine Schulzeit hinaus sei ihm das Klo zu einem „Asylort“ geworden. Der Gang auf den Stillen Ort zu einem „antisozialen Akt“. Ein „Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss“.

Den eigenen Schädigungen spürt er mit unerreichter Leichtigkeit nach

Noch heute entziehe er sich so den Menschen. „Einsilbig geworden durch die Worte wie Wörter der andern, von ihnen zum Schweigen gebracht – angeödet – verödet.“ Später sei ihm das Lesen zum stillen Ort geworden.

Jeder, der mit Menschen zu tun hat, weiß, was gemeint ist. Die Leichtigkeit aber, mit der Peter Handke den eigenen Beschädigungen nachspürt, ist unerreicht. Schon in seinen jüngsten Texten ließ der Mann, der von sich selbst immer behauptet, er könne nicht lustig sein, eine eigene Art der Ironie aufblitzen. Und dennoch geht es bei diesem Autor immer um alles. Den Ernst des Lebens. Existenzielle Erfahrungen. Und natürlich ums Schreiben. Die bald 70 Lenze merkt man seinen Texten nicht an. Seine Sprache ist modern, schön, direkt. Wer sie mal laut vorliest, weiß, wie sehr sie klingt. Es ist immer wieder ein Genuss, Handke zu lesen. Sogar bei diesen sehr privaten Erfahrungen.

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