Autor Bernhard Schlink zeigt in seinem Werk „Die Frau auf der Treppe“, wie vergessen geglaubte Wunden wieder aufreißen. Die Nähe zu einem Gemälde von Gerhard Richter ist stets präsent.

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Bernhard Schlink schreibt in „Die Frau auf der Treppe“ über das Leben und über Niederlagen, die nach Jahrzehnten Wunden wieder aufreißen können.

Bernhard Schlink schreibt in „Die Frau auf der Treppe“ über das Leben und über Niederlagen, die nach Jahrzehnten Wunden wieder aufreißen können.

Das Gerhard-Richter-Bild „Ema – Akt auf einer Treppe“ hat den Autor Bernhard Schlink für seinen neuen Roman inspiriert.

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Bernhard Schlink schreibt in „Die Frau auf der Treppe“ über das Leben und über Niederlagen, die nach Jahrzehnten Wunden wieder aufreißen können.

Düsseldorf. Seit dem „Vorleser“, gleichermaßen gefeiert wie umstritten, ist Bernhard Schlink ein literarischer Weltstar. Anfang Juli ist er 70 geworden, nun ist sein neues Werk erschienen: „Die Frau auf der Treppe“, ein Roman über das Leben, über Niederlagen – vor allem über die Art Niederlage, die auch nach Jahrzehnten noch Wunden wieder aufreißt, obwohl sie längst überwunden geglaubt war.

Begegnung mit der „Frau auf der Treppe“ lässt Fassaden einstürzen

Der Streit um eine Frau – beziehungsweise um ein Gemälde jener „Frau auf der Treppe“ – bringt Ende der 1960er Jahre in Frankfurt am Main drei Männer zusammen: einen aufstrebenden Maler, einen erfolgreichen Unternehmer und einen jungen Anwalt in den ersten Berufsjahren. Alle drei sind der schönen blonden Irene auf die eine oder andere Art verfallen und tun die törichten Dinge, die man dann halt so tut. Und jeder für sich bleibt allein zurück, ausgenutzt, ausgetrickst und gedemütigt.

Die peinliche Episode gerät irgendwann in Vergessenheit, was den drei düpierten Erfolgsmenschen nur recht ist, bis die ganze Truppe Jahrzehnte später am anderen Ende der Welt wieder zusammentrifft – wieder einmal angezogen vom Gemälde mit der „Frau auf der Treppe“.

Wieder hat diese Frau, die alle drei Männer einst für die Liebe ihres Lebens gehalten haben, kein Happy End im Sinn. Und so lässt die Begegnung eine über die Jahre mühsam errichtete Fassade nach der anderen einstürzen.

Schlink, selbst Jurist wie sein Ich-Erzähler, wirft in „Die Frau auf der Treppe“ die großen Fragen auf: Was im Leben ist Zufall, was entscheiden wir selbst, was passiert einfach und was wissen wir eigentlich vom großen Ganzen?

„Seltsam, wie zwangsläufig mein Leben war und zugleich wie zufällig“, resümiert sein Protagonist zwischendurch. Ihre Niederlage von einst haben die drei Männer all die Jahre über kleingeredet, zur abgehakten Lektion für‘s Leben umgedeutet – und am Ende doch nicht verwunden. „Die frühen großen Niederlagen lenken unser Leben in eine neue Richtung. Die frühen kleinen verändern uns nicht, aber begleiten und quälen uns, stete kleine Stachel im Fleisch.“

Rückblenden und Dialoge sind sprachlich geschliffen

Ist das nun richtig gut oder richtig kitschig? Man tut sich schwer mit einem Urteil. Bernhard Schlinks immer schon viel gelobter Juristen-Stil – nüchtern, distanziert, schnörkellos – findet sich auch hier wieder. Nach und nach setzt sich aus den Gedanken des Erzählers, aus Rückblenden und Dialogen eine Geschichte zusammen – sprachlich geschliffen, detailliert und dicht, ohne überflüssiges Drumherum.

Dafür wird man den Eindruck nicht los, dass spätestens im letzten Drittel des Romans eine Spur zu dick aufgetragen wird. Weder hätte die Figur der Irene bis zum Anschlag mit Geheimnissen und sexuellen Fantasien beladen werden, noch hätte das Ende ein wahres Drama sein müssen. Es hätte der bis dahin leisen Geschichte sicher nicht geschadet.

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