Michel Houellebecq
Markenzeichen Melancholie: Michel Houellebecq 2008 in Düsseldorf. Foto: Roland Weihrauch

Markenzeichen Melancholie: Michel Houellebecq 2008 in Düsseldorf. Foto: Roland Weihrauch

dpa

Markenzeichen Melancholie: Michel Houellebecq 2008 in Düsseldorf. Foto: Roland Weihrauch

Paris (dpa) - Wo bin ich? Feuer überall. Vielleicht bin ich verrückt. Ein Leben, zugleich kompliziert und ohne Interesse. Frei übersetzte Passagen aus dem jüngsten Buch von Michel Houellebecq (57), der nach rund 15 Jahren wieder mit einem Gedichtband überrascht.

«Configuration du dernier rivage» (etwa: Konfiguration des letzten Ufers) ist in Frankreich vor wenigen Tagen in den Buchhandel gekommen – ohne den üblichen Medienrummel. Statt Polemik, Spekulationen darüber, ob sich Houellebecq mit diesem Buch verabschieden möchte. Der Titel zumindest gibt zu denken.

Es ist der fünfte Gedichtband des «enfant terrible» der französischen Literatur. Schlichte Verse, die sich reimen oder auch nicht, in denen sich der Schriftsteller ganz «houellebecquien» gibt. Ein Adjektiv, das in Frankreich mittlerweile einen ganz bestimmten Seelenzustand beschreibt: grau und depressiv.

Glücklosigkeit, Sex, unmögliche Liebe, Leiden und das unausweichliche Altern: Auf den 96 Seiten kehren alle in seinen früheren Büchern - «Erinnerungen an meinen Porsche», «Elementarteilchen» oder «Karte und Gebiet», für das er den begehrten französischen Literaturpreis «Prix Goncourt» erhielt - aufgetauchten Motive wieder zurück. Nur: Das Reich der Dichtkunst erlaubt ihm in seinem Klagen noch eindrücklicher zu sein als in seiner Prosa. «Die Poesie offenbart Dinge, die kein anderes Medium zum Ausdruck bringen kann», erklärte er einst in einem Interview.

«Houellebecq vermittelt den Eindruck, als würde er sich von der Welt verabschieden wollen, um das "letzte Ufer" zu erreichen», wie die französische Tageszeitung «Le Figaro» schreibt. Naheliegende Bedenken, liest man das Gedicht «Face B»: «Und plötzlich verliert alles sein Interesse/Die Zukunft ist nekrologisch/Nur die Vergangenheit verletzt.»

«Configuration du dernier rivage» ist sein erstes Buch, das seit seiner Rückkehr nach Frankreich erschienen ist. Houellebecq hatte sein Heimatland vor über 10 Jahren verlassen und ist Anfang des Jahres wieder zurückgekehrt. Er floh vor der Polemik, die sein Bestseller-Roman «Plattform» ausgelöst hat, nach Spanien und Irland. In dem 2001 veröffentlichten Roman beschreibt er die verzweifelte Suche nach Glück und sexueller Erfüllung. Das Werk wurde kontrovers als sexistisch und religionsfeindlich rezipiert.

Warum er wieder nach Frankreich zurückgekehrt sei? «Ich kehre nicht zurück, weil ich die Regierung unterstütze. Ich kehre zurück, weil ich alt geworden bin, ich brauche eine Krankenversicherung», gestand er in typischer Houellebecq-Manier.

Aber auch weil er und sein Heimatland etwas gemeinsam haben: «Ich ähnele Frankreich, denn ich klage viel.» Frankreich gehe es in Europa nicht am Schlechtesten. Doch Frankreich sei ein Land mit Leuten, das eine Vorliebe für Depressionen habe, das gern jammert, so der Autor.

Die Poesie ist für ihn das natürlichste Mittel, um die reine Intuition eines Augenblicks wiederzugeben, wie er sagt. Demnach zu urteilen, geht es dem Dichter des Seelenleidens und der Freudlosigkeit nicht besonders gut. Was ihm auch körperlich anzusehen ist: abgemagert, nach unten hängende Mundwinkel, trübe Augen und leerer Blick.

Michel Houellebecq: Configuration du dernier rivage, Flammarion, Paris, 96 Seiten, EUR 15,00, ISBN: 978-2-0813-0316-4

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