Mainz (dpa) - Es ist eine Geschichte der Kontraste. Die Autorin Marion Tauschwitz stellt luxuriöses Ambiente und sterile Sauberkeit dem menschlichen Elend gegenüber. In ihrem Roman «Der Gesang der Schneckenhäuser» geht es um Missbrauch der schlimmsten Art.

Jahrelang lebt ein Vater an seiner Tochter seine sexuellen Gelüste aus. Schlimmer noch: Er hat das Kind extra für sich und zu diesem Zweck geschaffen.

Dieser Mann heißt Serge - ein gut aussehender, reicher und intelligenter Geschäftsmann. Und doch hat Lucia Fer, genannt Luzifer, ein ungutes Gefühl, als er zum ersten Mal ihr extravagantes Etablissement aufsucht. Lange sucht Serge hier nach einer Frau, die seinen Ansprüchen genügt. In der schönen Laura scheint er sie gefunden zu haben. Er überredet sie, mit ihm zu gehen. Und damit beginnt Lauras Leidenszeit, die wenige Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Isabelle endet. Sie wird nicht mehr gebraucht und verschwindet.

Isabelle liebt ihren Vater abgöttisch. Das ändert sich zunächst auch nicht, als er sie mit fast rituellen Waschungen allmählich an seine sexuellen Begierden heranführt. Isabelle flüchtet sich dabei gedanklich in die Schneckenhäuser, die sie von ihrer Mutter bekommen hat und mit denen bestimmte Gesänge verbunden sind. Doch mit dem Heranwachsen und den mittlerweile ausgiebigen Vergewaltigungen seiner betäubten Tochter wachsen in der Ahnungslosen Widerstand und ein für sie unerklärlicher Widerwille gegen den Vater.

Serge hatte Laura einst zur extremen Reinigung von ihrer Kokotten-Vergangenheit gezwungen. Ähnliche Säuberungsrituale übertrug er auf Isabelle, was sich bei der Tochter zum Waschzwang auswuchs. Eine unbewusste Reaktion auf den Missbrauch. Erst die räumliche Distanz zum Vater und die Freundschaft zu einem Kommilitonen öffnen Isabelle allmählich die Augen, was ihr der noch immer verehrte Vater angetan hat. Sie befreit sich aus der Umklammerung, ihr Gleichgewicht aber kann so schnell nicht wieder hergestellt werden.

Sollte man meinen. Doch dieser Aspekt kommt im Roman zu kurz. So gut und einfühlsam Tauschwitz die Zerrissenheit Isabelles darstellt, so unfertig scheint ihr schneller Genesungsprozess. Und noch ein Punkt stört etwas an diesem insgesamt fesselnden und verstörenden Buch: Der Kontrast Vergewaltigung - Waschzwang wäre noch deutlicher ohne den Nebenschauplatz Mutter als Animierdame kontra Tochter als personifizierte Reinheit. Und so bleibt Luzifer zwar eine sympathische, letztendlich aber überflüssige Figur, die sich ohnehin irgendwann im Nebel der Story verliert.

So unglaublich diese Geschichte auch ist - die Realität hat sie belegt, vielfach. Marion Tauschwitz hat mit Inzest, Pädophilie und Missbrauch ein Thema gewählt, das verpflichtet: zur Mahnung, zur Aufmerksamkeit, zur Hilfe und zum Verstehen. Diesen Anspruch hat sie unbedingt erfüllt: Das Buch wirkt nachhaltig.

Marion Tauschwitz: Der Gesang der Schneckenhäuser, VAT Verlag, Mainz, 210 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-940884-57-2

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