Claudia Piñeiro wird während der Frankfurter Buchmesse geehrt.
Claudia Piñeiro wird während der Frankfurter Buchmesse geehrt.

Claudia Piñeiro wird während der Frankfurter Buchmesse geehrt.

A. Lopez

Claudia Piñeiro wird während der Frankfurter Buchmesse geehrt.

Düsseldorf. Die Romanautorin Claudia Piñeiro gehört in ihrem Heimatland Argentinien zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen. Im Interview mit der WZ sprach sie über ihren neuen Roman "Die Donnerstagswitwen" und ihre Vergangenheit als Buchhalterin und Drehbuchautorin.

In Ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Die Donnerstagswitwen" brechen Kriminalität und wirtschaftliche Turbulenzen in die heile Welt einer überwachten Wohnanlage. Auch Sie wohnen in solch einer geschlossenen Gesellschaft: Was für ein Lebensgefühl herrscht dort?

Piñeiro: Die Personen in meinem Roman konstruieren ihr Leben von außen, vom Haben her: das Auto, das Haus, die Kleidung. Im Roman gibt es etliche Parallelen zur realen Gesellschaft. Dass Frauen in Argentinien - vor allem die der besseren Gesellschaft - Gefangene ihres häuslichen Refugiums sind. Dass selbst die Erziehung eine Statusfrage ist. Manche meiner Freunde haben nicht mehr genug Geld, ihre Kinder auf elitäre Privatschulen zu schicken, und sind überrascht, dass die vermeintlich schlechteren staatlichen Institute in Wirklichkeit besser sind.

Warum lassen Sie in Ihren Büchern so häufig Kinder leiden?

Piñeiro: Diese Kinder erscheinen ihrer Umgebung merkwürdig, weil sie Dinge bemerken, die Anderen entgehen. Wer anders ist, stört die Mehrheit. Mich interessieren diese Beziehungsheucheleien: Wenn eine Familie nach außen hin perfekt erscheinen will, aber das Innere zuweilen in Form eines Kriminalromans nach oben schwimmt.

Statt die wirtschaftlichen und politischen Verbrechen in Argentinien direkt zu thematisieren, lassen Sie Ihre Figuren aber lieber an ihren alltäglichen Gefühlsrädchen drehen, hinter denen Verletzungen und Neurosen aufblitzen. Ist das nicht ein Umweg?

Piñeiro: Ich war viele Jahre Drehbuchautorin. Daher arbeite ich vorwiegend visuell. Ich schreibe nicht, dass jemand traurig ist, ich zeige, wie er es ist. Da verdanke ich viel der großen Dame des argentinischen Fernsehens, María Inés Andrés. Sie brachte mir bei, die Figuren in ihren gesamten Bezügen zu sehen: Worin sich die eine von anderen unterscheidet, wie sie aufgewachsen ist, wie sie spricht, was sie tut, wenn sie niemand beobachtet. So vermeidet man Stereotypen von Gut oder Böse, Arm oder Reich.

Sie sagten einmal, die Schriftstellerei sei für Sie, als hätten Sie wieder Luft bekommen. Gibt es Parallelen zu Ihren Figuren, die sich immer auf dem Sprung zur Selbstfindung befinden?

Piñeiro: Ja, mir erging es ein bisschen wie meinen Gestalten. Ich habe immer Dinge hinterfragt und fühlte mich ständig fehl am Platz. Ich absolvierte mit Bestnoten die Schule und das Volkswirtschafts-Studium, das meine Eltern beide nicht beendet hatten, obwohl es mich letztlich nicht interessierte. Dann arbeitete ich als Buchhalterin in einem großen, wunderbaren Unternehmen - außen tolle Fassade, aber innen ging’s mir schlecht. Es entsprach nicht meinem inneren Wunsch. Als ich das feststellte, war es wie eine Wiedergeburt. Plötzlich war es möglich auszusteigen. Ich nahm Urlaub und begann mit dem Schreiben.

Am 3. Oktober erhalten Sie in Frankfurt den ökumenischen "LiBeraturpreis". Worauf führen Sie Ihren anhaltenden Erfolg zurück?

Claudia Piñeiro, 1960 als Kind spanisch-gallizischer Einwanderer geboren, ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Argentiniens. Sie lebt mit drei Kindern zwischen 12 und 16 Jahren, Hund und zwei Katzen nördlich der Hauptstadt Buenos Aires.

Ihr vierter Roman ist gerade auf Deutsch erschienen: "Die Donnerstagswitwen"; Unions-Verlag, 316 S., 19,90 Euro.

Sie liest am 30. Sept. in Köln und am 3. Okt. in Hagen.

Piñeiro: Schriftsteller sein heißt nicht nur, Begabung und Inspiration zu haben und zu arbeiten. Es heißt vor allem, den Wunsch haben zu schreiben.

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