Ob der Nachwuchs Lesen als Lust oder Last empfindet, hängt wesentlich von den Vorbildern ab. Wer erfahren hat, wie aufregend Bücher sein können, bleibt ihnen treu.

Lesen bildet und fesselt, es macht Spaß und regt die Phantasie an. Die Bilder im Kopf entstehen dabei wie von selbst.
Lesen bildet und fesselt, es macht Spaß und regt die Phantasie an. Die Bilder im Kopf entstehen dabei wie von selbst.

Lesen bildet und fesselt, es macht Spaß und regt die Phantasie an. Die Bilder im Kopf entstehen dabei wie von selbst.

dpa

Lesen bildet und fesselt, es macht Spaß und regt die Phantasie an. Die Bilder im Kopf entstehen dabei wie von selbst.

Düsseldorf. Sybil Schlepegrell, bekannt geworden als Gräfin Schönfeldt, erinnert sich noch lebhaft an die Jurysitzung für den Deutschen Jugendbuchpreis 1969.
 
Da war Astrid Lindgrens "Karlsson vom Dach" nominiert, aber "der war den meisten Juroren zu wild und pädagogisch fragwürdig".

Leidenschaftlich hat sie für den kleinen Mann mit dem Propeller auf dem Rücken gekämpft, aber gewonnen hat "ein zahmes, politisch korrektes Buch" - über eine Dorfgemeinschaft, die ein Storchenpaar schützen will.

Schlepegrell, heute 80 Jahre alt, war immer eine der Kinderbuch-Fachfrauen in Deutschland, die auf die paradoxe Situation der Kinder- und Jugendliteratur hingewiesen haben: Die Kaufentscheidung treffen die Eltern - und die entscheiden meist danach, was vermeintlich wertvoll ist für das Kind. Aber was wollen Kinder wirklich lesen?

Auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt lässt sich nicht erst seit "Harry Potter" und der "Tintenwelt"-Trilogie gutes Geld verdienen. "Der mit Büchern erwirtschaftete Umsatz beträgt in Deutschland jährlich rund neun Milliarden Euro.
 
Davon entfallen zwölf bis 14 Prozent auf Bilder-, Kinder- und Jugendbücher", sagt Klaus Willberg, Verleger des Thienemann Verlages und Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen. Bei den Lizenzen, die deutsche Verlage ins Ausland vergeben, stehen Kinder- und Jugendbücher mit 25 Prozent sogar an der Spitze. Erst dann folgt die Belletristik für Erwachsene mit 15 Prozent.
 
Doch die wirtschaftlichen Erfolge machen den Eltern das Leben nicht leichter. Zwischen 4000 und 5000 deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher erscheinen jährlich.
 
Wie soll man sich da noch auskennen? Wie schwierig darf das Buch sein? Muss es ein glückliches Ende geben? Soll man sein Kind mit Massenware wie "Conni" oder "Die Wilden Kerle" versorgen?
 
Als die Solingerin Stefanie Leo ihren drei Söhnen schon etliche Klassiker vorgelesen hatte, besuchte sie mit ihnen einen Buchladen. "Ich wollte mich über die Neuerscheinungen beraten lassen.
 
Doch als dann ein Mann vor mir stand, der Single war und genauso hilflos in den Regalen suchte wie ich, beschloss ich: Du musst was tun."
 
Heute betreibt sie eine Internetseite, die täglich 250 bis 300 Besucher verzeichnet. Denn auf buecherkinder.de bewerten Kinder und Jugendliche die Neuerscheinungen selbst. Rund 30 Mädchen und Jungen lesen für Stefanie Leo Bücher und schreiben eine Bewertung.
 
"Ich habe schnell gemerkt, dass Kinder viele Bücher ganz anders bewerten als ich. Wir haben einfach andere Lebenserfahrungen."

Während Stefanie Leo das sagt, sitzen vier ihrer Rezensenten an ihrem Tisch und hören neugierig zu. Es sind allesamt Leseratten, die sich für buecherkinder.de kistenweise Futter mit nach Hause nehmen. "Seit wir hier die Neuerscheinungen besprechen, lese ich Bücher zu ganz vielen unterschiedlichen Themen", sagt die 13-jährige Xueqian Chen. "Vorher war ich nur auf Fantasy fixiert." Ganz toll fand die Schülerin zuletzt "Und meine Welt steht Kopf" oder "Bis zum Morgengrauen".

Die "Bücherkinder" Robert, Jennifer, Xueqian und Anna hatten das Glück, dass ihnen vorgelesen wurde, nicht zuletzt auch die Klassiker: Astrid Lindgren, Michael Ende, Otfried Preußler und Erich Kästner. Von allein hätten sie solche Bücher wohl nicht entdeckt.

"In unserer Stadtbibliothek werden Klassiker auch selten von Kindern geliehen", weiß Stefanie Leo. "Das machen meist die Eltern. Ich habe meinen Söhnen kürzlich den ‚Michel aus Lönneberga’ vorgelesen. Da sitzen alle mit offenem Mund vor mir."

"Bücherkind" Jennifer Schollmeyer (14) hat die Leselust von ihrem Vater abgeguckt. Als sie noch gar nicht lesen konnte, beobachtete sie, wie er sich die dicken Schwarten aus der Bücherei lieh und darin versank.
 
"Das wollte ich auch!" Anna Göttlich (14) hat ihre Mutter dabei beobachtet, wie sie vor dem Schlafengehen gelesen hat. "Das sah immer sehr gemütlich aus." Es bleibt eine banale Wahrheit: Wo Leselust vorgelebt wird, da lernen Kinder sie auch ganz selbstverständlich.

Dass es in vielen Elternhäusern aber gar keine Bücher gibt, weiß auch Kinderbuchexpertin Schlepegrell: "Das ist ja der Jammer: Kinder können sich mit vielen anderen Dingen amüsieren, ohne Bücher zu vermissen." Denn den Zauber des Lesens und Vorlesens haben sie noch gar nicht entdeckt.

Da ist es für manche Eltern schon ein Segen, wenn die Kinder über den Film zum Buch kommen. "Die Wilden Kerle", "Harry Potter", "Pippi Langstrumpf" oder "Das doppelte Lottchen" - einige Kinder denken, dass die Bücher dazu auf den Filmen basieren.

Wenn sie aber einmal mit Lillebror gebangt haben, dass Mama den Karlsson erwischt, der das Chaos im Kinderzimmer angerichtet hat, wenn sie mit Momo gegen die grauen Herren kämpfen, mit Peterchen zum Mond fahren oder erleben, wie Pünktchen und Anton sich gegenseitig helfen - dann wird schon das kindliche Leben ein bisschen tiefer und aufregender.

Solche Bücher, die den Titel Kinderliteratur verdienen, kommentiert Sybil Schlepegrell so: Vielleicht könnten Kinder noch nicht alles begreifen, was zwischen den Zeilen stehe, aber etwas in solchen Geschichten werde ihnen vermitteln:
 
"Das geht dich an! Das wartet auf dich!" Wertvolle Tipps zu Neuerscheinungen und Klassikern für Kinder und Jugendliche im Internet:
 
www.stiftung-lesen.de
 www.buecherkinder.de
 

Kinderbuch-Klassiker

Sehr empfehlenswert:
 
 - Gerdt von Bassewitz: Peterchens Mondfahrt (1905, ab 5)
 
- Erich Kästner: Pünktchen und Anton (1931, ab 10)
 
- Otfried Preußler: Der kleine Wassermann (1956, ab 6)
 
- Peter Härtling: Ben liebt Anna (1979, ab 8)
 
- Michael Ende: Der Wunschpunsch (1989, ab 10)

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