Frank Schirrmacher lehrt uns das Grausen über die Ökonomie.

Hulk
Dagegen ist Hulk ein Waisenknäblein. Im wirklichen Leben knebelt das Wirtschaftsmonster die Menschen mit seiner Weltformel – schreibt Frank Schirrmacher.

Dagegen ist Hulk ein Waisenknäblein. Im wirklichen Leben knebelt das Wirtschaftsmonster die Menschen mit seiner Weltformel – schreibt Frank Schirrmacher.

Buena Vista

Dagegen ist Hulk ein Waisenknäblein. Im wirklichen Leben knebelt das Wirtschaftsmonster die Menschen mit seiner Weltformel – schreibt Frank Schirrmacher.

Düsseldorf. Frank Schirrmacher kann man eines sicher nicht nachsagen – dass er ein Debattenthema verpasst. Nach der Überalterung der Gesellschaft („Das Methusalem-Komplott“), der Zerrüttung der Familie („Minimum“) und dem löchrigen Datenschatz („Payback“) knöpft er sich in seinem jüngsten Buch „Ego. Das Spiel des Lebens“ einen neuen Feind vor: Den Kapitalismus und der von ihm auf radikalen Egoismus gedrillte Mensch.

Stramme Kapitalismuskritik auf den Spuren von Occupy und Co verwundert bei einem Herausgeber der gutbürgerlichen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Schirrmacher möchte sich auch lieber nicht als Linker verstanden wissen: „Ich finde nicht, dass ich mich verändert habe. Ich bin wie wir alle nur Zeuge eines Denkens, das zwangsläufig in die Privatisierung von Gewinnen und die Vergesellschaftung von Schulden führt“, sagte er dem „Spiegel“.

Wie es dazu kommen konnte, dass die „Gedankenmodelle der Ökonomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert haben“, so Schirrmacher in seinem Vorwort, entwickelt der Journalist über 300 Seiten – in rasantem gedanklichen Schwung, gelegentlich mit apokalyptischer Zuspitzung, mit einer Unmenge an Zitaten, aber bedauerlicherweise wenigen konkreten Beispielen.

Egoisten sind erwünscht – die sind nämlich leicht berechenbar

Er startet seine Betrachtung im Kalten Krieg, in dem Spieltheorie ihren Siegeszug antrat. Dieses mathematische Denkmodell reduziert alles Bestreben des Menschen auf strikten Eigennutz – solche Egoisten sind nämlich leicht berechenbar. Nach dem Ende des Kalten Krieges schlüpften all die Strategen und Naturwissenschaftler, die bisher von militärischer Forschung gelebt hatten, in der Wirtschaft unter und entwickelten die mathematische Weltformel, die dank digitaler Basarhändler, sozialer Netzwerke und Börsen-Algorithmen unsere Gesellschaft, unser Verhalten, unsere Politik durchdringt.

Die Ökonomen wollen laut Schirrmacher aber nicht nur genau wissen, wie das Objekt Kunde tickt. Sie haben durch die stete Gängelung im alles durchdringenden Internet auch einen neuen Menschentyp herangezogen: Den Doppelgänger, die „Nummer 2“ jedes Einzelnen, der moralfrei und rational handelt in dem Sinne, dass er jedes Gegenüber täuschen will.

Frank Schirrmacher: „Ego. Das Spiel des Lebens“; Blessing-Verlag, 332 Seiten, 19,99 Euro.

Eine steile Gleichschaltungs-These, die gut in einen Horrorfilm passen würde, aber sogar im Buch selbst nur mäßig gedeckt ist und die vorangegangene scharfsinnige Analyse mindert. Möglicherweise ist Schirrmachers finale Schlussfolgerung deshalb eher schlicht: „Vielleicht ist es ganz einfach: nicht mitspielen.“

Leserkommentare (1)


() Registrierte Nutzer