Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat das Leben des Algeriers Boualem Sansal verändert: „Das Regime achtet darauf, dass mir nichts passiert.“

Herr Sansal, wie hat sich die Verleihung des Friedenspreises im Oktober auf Ihr Leben ausgewirkt?

Sansal: Der Preis hat mein Leben enorm verändert, vor allem meine Situation in Algerien hat sich verbessert. Ich bin jetzt wertvoll für das Regime, sie achten darauf, dass mir nichts zustößt. Demnächst dürfen sogar meine Bücher in meinem Heimatland erscheinen. Der Friedenspreis hat aber auch das Interesse der Franzosen an mir gesteigert. Weil nur wenige Franzosen ihn bekommen haben, vereinnahmen sie jetzt mich, ich bin schließlich ein französischsprachiger Autor.

Können Sie sich in Ihrem Wohnort Bourmedès oder im nahen Algier frei bewegen?

Sansal: Ich muss sehr aufpassen, habe mein Haus mit Stacheldraht und Alarmanlagen ausgestattet. Auf der Straße bin ich auch mehrmals angegriffen worden. Es sind schon tausende Journalisten und Schriftsteller umgebracht worden – und keiner weiß, wer das war. Im Moment geht es ein bisschen besser. Da sage ich den Leuten, die mich zu heimlichen Signierstunden oder Vorträgen einladen: „Lass es lieber. Danach gehe ich wieder nach Hause, aber dir machen sie den Laden zu.“

Sie und Ihre Bücher sind also in Algerien trotz Verbot bekannt?

Boualem Sandal, geb. 15. Okt. 1949 in einem algerischen Bergdorf, hat Ingenieurswesen studiert und in Volkswirtschaft promoviert. Er war hochrangiger Staatsbeamter, wurde aber nach Veröffentlichung seiner Romane entlassen. Er ist einer der wenigen kritischen Schriftsteller, der Algerien nicht verlassen hat. Auf Deutsch sind alle seine Bücher im Merlin Verlag erschienen.

Boualem Sansal liest am Donnerstagabend um 19.30 Uhr im Düsseldorfer Heine-Haus, Bolkerstraße 53, aus seinem Roman „Harraga“. Es gibt noch Karten.

Sansal: Ja, die Bücher sind heimlich in Umlauf. Es erscheint auch so gut wie täglich ein Artikel über mich. Und das, was ich irgendwo im Ausland in einem Interview sage, findet alles über das Internet seinen Weg nach Algerien. So oft es geht, spreche ich mit Politikern und Diplomaten. Erst kürzlich habe ich Ihren Außenminister Westerwelle getroffen.

An Algerien ist der so arabische Frühling bisher vorbeigegangen. Wie kommt das?

Sansal: Die Menschen haben schreckliche Angst. Bis in die 1990er Jahre litt das Land unter einem Bürgerkrieg mit 200 000 Toten. Danach wurde ein Frieden verkündet, aber von den Generälen, die für das Töten verantwortlich sind, wurde keiner verurteilt.

Sie sind auch pessimistisch, was die Zukunft des arabischen Frühlings in anderen Ländern angeht.

Sansal: Ich bin davon überzeugt, dass die Islamisten in kurzer Zeit überall an die Macht kommen. Dann werden sich diese Länder zwangsläufig in Richtung Diktatur entwickeln, denn Demokratie passt nicht zum Wesen dieser Machthaber.

Wie schwierig ist es, unter solchen Bedingungen derart vitale Bücher zu schreiben?

Sansal: Furchtbar schwierig (lacht). Aber Romane sind meine Art, mich politisch zu engagieren. Deswegen greife ich ausschließlich auf wahre Geschichten und reale Personen zurück. Dann muss ich nur dafür sorgen, dass die Leute die Bücher mit Vergnügen lesen – denn aus politischem Interesse werden es leider die wenigsten tun.

In zwei Wochen sitzen Sie in der Jury der Berlinale. Was erwarten Sie von den Filmfestspielen?

Sansal: Ich werde unter allen Umständen meine politischen Anliegen propagieren – der Rest ist mir ziemlich egal. Es wird aber wohl sehr progressive, sehr interessante Filme zu sehen geben.

Gehen Sie denn gern ins Kino?

Sansal: Ich muss zugeben: In Algerien gibt es so gut wie keine Kinos mehr, es sind vielleicht fünf bis sechsübrig. Die Islamisten haben bei jeder Kuss-Szene Druck gemacht und den Film zensiert oder verboten. Der Schwarzmarkt für Pornos blüht natürlich trotzdem.

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