Mit 14 schrieb sie ein Drehbuch, mit 16 verfilmte sie es. Jetzt erscheint Helene Hegemanns (17) erster Roman.

Ohne Jacke im verschneiten Park – dafür mit Zigarette: Die Autorin Helene Hegemann.
Ohne Jacke im verschneiten Park – dafür mit Zigarette: Die Autorin Helene Hegemann.

Ohne Jacke im verschneiten Park – dafür mit Zigarette: Die Autorin Helene Hegemann.

Sören Stache

Ohne Jacke im verschneiten Park – dafür mit Zigarette: Die Autorin Helene Hegemann.

Düsseldorf. Mit anderen Jugendlichen durch die Gegend zu ziehen, findet sie "unsexy". Viel mehr reizt sie eine angeregte Diskussion mit einer 65-Jährigen über Theodor W. Adorno. Dabei sei der Gesprächsinhalt nicht das Wichtigste. Helene Hegemann will sich "in einer Erwachsenenwelt etablieren". Ihre eindrucksvolle Biografie, die sich wie eine mathematische Gleichung liest, lässt kaum einen Zweifel, dass die gerade mal 17-Jährige auf dem besten Wege ist, dieses Ziel zu erreichen. Mit 14 schreibt sie ein Drehbuch, mit 16 verfilmt sie es und erhält 2009 für das Ergebnis "Torpedo" den Max-Ophüls-Preis. Jetzt ist Hegemann 17 - und bringt ihren ersten Roman "Axolotl - Roadkill" heraus.

Die Theater- und Filmszene feierte Hegemann als Wunderkind

Mit ihren hemmungslosen Analysen der Gesellschaft eroberte Helene Hegemann die Theater- und Filmszene im Sturm. Dass sie "den Blick der Jungen auf uns wiedergibt", gefalle ihm sehr, lobte einmal Christoph Schlingensief. Die Medien feierten sie nach dem Erfolg von "Torpedo" als "Wunderkind des deutschen Films" - für eine junge Frau, die von Erwachsenen ernst genommen werden möchte, eigentlich eine Ohrfeige. Nicht für Hegemann. Sie kokettiert mit dem Image, macht das "Unter-18-Ding" zu ihrem Vorteil: "Plötzlich schätzen mich Leute, die mich unter normalen Umständen nie beachtet hätten, weil ich unter 18 bin", sagte Hegemann damals in einem Interview. Ihren Sturkopf bewies sie bei dem Filmprojekt auf jeden Fall: "Torpedo" schaffte es ohne Filmförderung und Fernsehbeteiligung auf die Leinwand der Berliner Volksbühne.

Die Berliner Volksbühne war lange Zeit Hegemanns zweites Kinderzimmer. Ihr Vater Carl arbeitete bis 2006 als Dramaturg an dem berühmten Theater. Während das Ensemble nach der Aufführung ausgelassen feierte, schlief sie mittendrin auf einem Holztisch. Früh musste sie lernen, sich an den Erwachsenen in ihrer Umgebung zu orientieren. Ihre Mutter, eine Grafikerin und Theatermalerin, war alkoholsüchtig und starb, als sie 13war. Sechs Monate nach dem Tod der Mutter stieg Hegemann in den Zug und zog zum Vater nach Berlin.

Auch die Hauptfigur ihres neuen Romans "Axolotl - Roadkill", Mifti, hat mit dem Tod ihrer alkoholkranken Mutter zu kämpfen. In Rückblenden erinnert sich das 16-jährige Mädchen an die kluge, überforderte, zu sadistischen Quälereien neigende Frau. Nach ihrem Tod zieht Mifti in die Nähe des Vaters, der sein Theaterzelt in Berlin aufgeschlagen hat. Von Parallelen zwischen ihrer eigenen Lebensgeschichte und dem Inhalt ihres Romans spricht sich Hegemann allerdings frei. "Ich frage mich wirklich, wie sich Menschen das Recht rausnehmen, mir zu unterstellen, es ginge da um mich. Es ist Fiktion, ein nach üblichen Standards entwickelter Roman, in dem ich Themen behandeln konnte, die mich zu diesem Zeitpunkt beschäftigt haben", sagt sie.

Eindringlich erzählt sie, dass eine 16-Jährige keinen Ausweg sieht

Ungeübt in jeglicher Form von Konflikttoleranz, stürzt Mifti ab. Unter Ecstasy-Einfluss macht sie in angesagten Berliner Clubs die Nacht zum Tag - und endet schließlich in der Heroinsucht.

Helene Hegemann wurde 1992 in Freiburg geboren. 2007 wurde ihr Theaterstück Ariel 15 im Ballhaus Ost uraufgeführt und 2008 als Hörspiel adaptiert. Mit 14 schrieb sie das Drehbuch für ihren 2009 mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Film "Torpedo".

Helene Hegemann: "Axolotl - Roadkill". Ullstein, Berlin. 208 Seiten, 14,95 Euro.

Eindringlich erzählt Hegemann die Geschichte des Teenagers, der mit 16 Jahren schon alle Erfahrungen gemacht hat, keine Perspektive als den Drogenkonsum sieht, und das Leben als ein "Gar nichts" im Tagebuch reflektiert. Der titelgebende Axolotl, ein nachtaktiver Schwanzlurch, der sein Leben lang im Lurchstadium bleibt, wird zum Symbol für die Sehnsüchte der Romanfigur, nicht erwachsen werden zu wollen und vor der Realität zu flüchten. Ein Wunsch, den die Schöpferin der Geschichte nicht teilt. Sie will weiter in der Welt der Erwachsenen Fuß fassen. Um das zu erreichen, arbeitet sie hart, aber nicht verbissen: "Ich sehe das schon kommen, in drei Jahren arbeite ich an irgendeiner Fleischtheke und frage mich, wie das passieren konnte."

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