Donnerstag vor 175 Jahren starb in Weimar Johann Wolfgang von Goethe im damals ungewöhnlich hohen Alter von 82 Jahren. Und das in Schlafrock und Filzpantoffeln im Lehnstuhl.

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Die Portraitbüste „Goethe beim Betrachten von Schillers Schädel“ von Gustav Heinrich Eberlein (1898) erzählt Geschichte: Schiller war ihm der engste Freund gewesen, doch an dessen Begräbnis nahm er nicht teil.

Die Portraitbüste „Goethe beim Betrachten von Schillers Schädel“ von Gustav Heinrich Eberlein (1898) erzählt Geschichte: Schiller war ihm der engste Freund gewesen, doch an dessen Begräbnis nahm er nicht teil.

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Die Portraitbüste „Goethe beim Betrachten von Schillers Schädel“ von Gustav Heinrich Eberlein (1898) erzählt Geschichte: Schiller war ihm der engste Freund gewesen, doch an dessen Begräbnis nahm er nicht teil.

Düsseldorf. Donnerstag Vormittag, 11.30 Uhr. Sitzen Sie vielleicht gerade in Schlafrock und Filzpantoffeln im Lehnstuhl? Dann denken Sie an den alten Goethe. Genauso ist er jedenfalls heute vor 175 Jahren gestorben, im gesegneten Alter von 82 Jahren, und er starb dennoch weder im Bett, noch auf der Intensivstation einer Klinik, an Schläuchen hängend.
 
"Auf dem Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender, tiefer Friede und Festigkeit walteten auf den Zügen seines erhaben-edlen Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen", beschrieb ihn Eckermann.
 
Goethe wurde noch am selben Tag, wie es damals üblich war, um 17 Uhr unter dem Geläut aller Glocken in der klassizistischen Weimarer Fürstengruft auf dem Neuen Friedhof an der Seite Schillers beigesetzt.

"Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen!"

Seine letzten Worte sind umstritten, und es gibt inzwischen mehrere Varianten. "Mehr Licht!", schreibt Gero von Wilpert in seinem amüsanten Büchlein (siehe Kasten), werde von keinem der anwesenden Zeugen bestätigt.
 
Vielmehr habe der Naturwissenschaftler Frédéric Soret verstanden "Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen." Und den Sekretär Kräuter soll Goethe lediglich um sein Nachtgeschirr gebeten haben. So wird wohl dies wie manches andere Kapitel aus Goethes Leben im Dunklen bleiben.
 
Und den Tod mied er nicht nur als Gesprächsthema wie ein Tabu. Warum? Wieder ist man aufs Spekulieren angewiesen. Goethe vermochte sein Lebtag nicht, sich an eine der christlichen Kirchen zu binden. Der christliche Glaube mit dem ans Kreuz wie an einen Marterpfahl Genagelten galt ihm schlicht als suspekt.
 
Er sah den Höchsten dagegen lieber in allen Dingen, vor allem in Natur, Kunst und Schönheit walten. Von allen Religionen schien ihm der Islam, der auf Versen gründete, am anziehendsten. So soll er ja auch in seinen letzten Minuten, letztes Tüpfelchen der Spekulationen, mit der Hand ein "W" in die Luft gemalt haben - der erste Buchstabe von "Allah".
 
In den letzten Jahrzehnten hatte er zudem den Dichter Hafis entdeckt. Bekam er Trost auf seinem letzten Weg? Oder suchte er gar keinen?

Ein Verehrer leiblicher Genüsse und aller Facetten der Liebe

Todesfälle in seinem engeren Umkreis, auch der des geliebten Freundes Schillers, konnten ihn nicht bewegen, sich zum Gang auf den Friedhof aufzuraffen. "Den Tag über im Bett", notiert er da fast beleidigt. Immer wieder hat man den Eindruck, dass sich da einer über eine unerbittliche Tatsache hinweg lügt, ja den Tod als Kränkung der Souveränität empfindet.
 
Goethes Leben speiste sich nicht aus philosophischem Sinnieren, sondern aus dem Sinnlichen, dem Spieltrieb und der Liebe in allen Formen, aus dem Genuss köstlicher Speisen (Kaviar, Hummer, Kapaune, Auerhahn, Zunge, Beefsteaks). Lieblingsgetränk war Champagner.
 
Den Tod hatte Goethe für heute jedenfalls nicht erwartet; er war bei völliger Gesundheit, als sich für den 15. März die Großherzogin Maria Paulowna und Achim von Arnim zu Besuch angesagt hatten. Man unternahm eine Spazierfahrt, und da muss wohl der frische Wind ihn unsanft angefasst haben.
 
Am 16. fieberte er, vom 17. bis 19. dagegen ging es besser. In der Nacht zum 20. aber muss ihn ein Herzinfarkt mit einem Katarrh der Luftwege heimgesucht haben, dazu hatte er schwere Angstzustände; am 21. fand man ihn zumeist bewusstlos. Wohl niemand ahnte, dass ein für immer Unvergesslicher starb.
 

Neuerscheinungen zu Goethe

Manfred Wolf "Leser fragen - Goethe antwortet. Klassische Lebenshilfen von Herrn G." (Eichborn Verlag, 9,95)

Petra Maisak Zeichnungen (Reclam Stuttgart, 19,90 Euro)

Peter Boerner Goethe-Monografie (Rowohlt, 8,50 Euro)

Gero von Wilpert "Die 101 wichtigsten Fragen zu Goethe." (C.H. Beck, 9,90 Euro

Volker Neuhaus "Andere verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere" (DuMont, 24,90 Euro)

Goethe "Faust, sämtliche Fassungen" (C.H. Beck, 8 Euro)

Goethe Gedichte (Insel, 15 Euro)

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