In Hermann Bräuers „Haarweg zur Hölle“ feiern die musikalischen und modischen Irrungen der 80er Jahre fröhliche Urstände.

Düsseldorf. Sie haben unreine Haut, viel Langeweile, tragen krachenge Spandexhosen, peinliche Stirnbänder und toupieren ihre Haare. Durch ihre schlacksigen Körpern donnern pubertätsbedingte Hormontornados und als meine es das Schicksal nicht schon hart genug mit ihnen, hören der Holzinger Andi und sein Kumpel Christian auch noch Heavy-Metal der üblen, sprich weichgespülten, Sorte. Ihre Vorbilder heißen Mötley Crüe, Ratt Cindarella oder Eddie van Halen, die strähnchenblonden Helden des Hair-Metal.

Ihnen wollen es die federleichten Schwermetaller aus Hermann Bräuers Erstlingsroman "Haarweg zur Hölle" nachtun. Als Rockband, glaubt Andi, der sich im allerbesten Hair-Metal-Stil (Doppelkonsonanten nicht vergessen!) "Rrex Rroncalli" nennt, klappe es ganz von allein mit den Frauen. Das Credo der auftoupierten 80er Jahre: "Enorm wichtig war es, von weitem gut auszusehen, damit man auch bei den Frauen in der hintersten Reihe einen bleibenden Eindruck hinterließ." Gitarrenriffs als Eintrittskarte ins Frauenland.

Dass der Plan nicht hinhaut, wenn man sich als Band "Llord Nakcor" (rückwärts für Rock’n’Roll) nennt, wundert wenig. Überhaupt ist der Haarweg ein steiniger, da nützt es auch nichts sich verkaufsfördernd "Löve Stealer" zu nennen und seine Instrumente zu beherrschen. Kurz: Den Aufstieg in den Rockolymp schaffen Andi und Kollegen nicht. Kurz vor ihrem Durchbruch, Anfang der 90er, schwappt sie der Zeitgeist aus der Bahn: Eine Musikrichtung namens Grunge mit seinen Helden Nirvana und Pearl Jam ist da - und lässt keinen Platz für Musiker, die mit Lidstrich aussehen wie Mädchen.

Hermann Bräuers Buch ist ebenso kurzweilig wie lustig und hält sich erfreulicherweise nicht lange damit auf, Klischees plattzuwalzen. Was auch gar nicht ginge, denn mehr Klischee als Hair Metal geht gar nicht. Das freilich ist Insiderwissen, der Autor weiß als ehemaliger Bassist in diversen, beinah berühmt gewordenen Bands, wovon er spricht.

Am Freitag liest Bräuer um 23 Uhr in der Radiosendung "Klubbing" bei 1Live.

Hermann Bräuer, Jahrgang 1968, spielte in den 80er Jahren in mehreren Bands, seit 2002 ist er Drehbuch-, Gag- und Buchautor - unter anderem für "Tramitz & Friends", "Blondes Gift" oder "MTV Dismissed". Bräuer lebt derzeit in Berlin.

"Haarweg zur Hölle. Ein hart gerockter Heimatroman", Ullstein-Verlag, 7,95 Euro.

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