Eva Strittmatter ist tot: Sie war mehr als die Frau eines berühmten Schriftstellers.

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Eva Strittmatter, die meistgelesene deutsche Lyrikerin, hat das Leben auf dem Dorf zwischen Haushalt und vier Kindern oft verwünscht.

Eva Strittmatter, die meistgelesene deutsche Lyrikerin, hat das Leben auf dem Dorf zwischen Haushalt und vier Kindern oft verwünscht.

dpa

Eva Strittmatter, die meistgelesene deutsche Lyrikerin, hat das Leben auf dem Dorf zwischen Haushalt und vier Kindern oft verwünscht.

Berlin. Sich neben einem berühmten Menschen zu behaupten, ist schwierig. Eva Strittmatter ist das mehr als gelungen. Die Dichterin, die am Montag in Berlin mit 80 Jahren in einem Altersheim gestorben ist, trat mit einem eigenständigen Werk aus dem Schatten ihres Mannes, des erfolgreichen Romanautors Erwin Strittmatter (1912-1994, „Der Laden“), heraus. Sie gilt als derzeit meistgelesene Lyrikerin deutscher Sprache, ihre Bücher erreichten eine Auflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren.

Ihr Mann sah sie als Bäuerin, dagegen rebellierte die Germanistin

Strittmatter wurde 1930 in Neuruppin geboren. Sie studierte Germanistik und Romanistik, arbeitete danach beim Schriftstellerverband der DDR. 1956 heiratete sie den 18 Jahre älteren Schriftsteller Erwin Strittmatter und zog mit ihm auf den Schulzenhof im Dorf Dollgow (Brandenburg).

Allein mit der Rolle der Ehefrau und Schriftsteller-Gefährtin mochte sie sich nicht bescheiden. Gegen das Schicksal einer Bauersfrau auf Lebenszeit, wie es sich ihr Mann vorstellte, rebellierte sie.

Die vierfache Mutter schrieb heimlich und unter einem „inneren Zwang“

Sie trat zuerst mit Kinderbüchern in Erscheinung, entdeckte dann mehr und mehr ihre Lust an Gedichten – zunächst heimlich. Es sei ein „innerer Zwang“, sagte sie, denn Zeit hatte sie dafür eigentlich nicht. In einem Zweizeiler schrieb die Mutter von vier Söhnen: „Ich würde meine Kinder Steine essen lassen. Nur um zwei Worte zu Papier zu bringen.“

Als ihr erster Gedichtband „Ich mach ein Lied aus Stille“ erschien, war sie über 40. Freunde hatten sie zu der Veröffentlichung überreden müssen. Diesem „Akt der Selbstbefreiung“ folgten elf weitere Bände wie „Mondschnee liegt auf den Wiesen“ (1975), „Heliotrop“ (1983), „Unterm wechselnden Licht“ (1990) oder „Der Winter nach der schlimmen Liebe“ (2005).

Dichten hieß für Eva Strittmatter lebenslange schonungslose Selbstbefragung, ohne den Leser außen vor zu lassen. Ihre Naturbeschreibungen „schmecken nach Wind und Regen“, lobte der Schriftstellerfreund Hermann Kant. Mit der fast klassischen Einfachheit ihrer Sprache stehe sie in der Tradition des frühen Heine oder einer Droste-Hülshoff, schrieben Kritiker im Westen.

Sie sagt, dem Druck des Landlebens verdanke sie die wichtigen Gedichte

Eine Bilanz über Höhen und Tiefen ihrer spannungsvollen Künstlerehe lieferte ihr in Gesprächen aufgezeichnetes Erinnerungsbuch „Leib und Leben“ (2008). Die Lebensumstände in ländlicher Abgeschiedenheit zwischen Haushalt und vier Kindern und der Arbeit ihres Mannes habe sie mitunter verwünscht, sagte sie.

Andererseits verdanke sie „dieser Existenz, diesem Druck“, die wesentlichen Gedichte, meinte sie. Zugleich pflegte sie das Werk ihres Mannes. Als er 1994 mit 81 Jahren starb, widmete sie sich der weiteren Herausgabe seines umfangreichen Werks.

Eva Strittmatter sei seit längerer Zeit krank gewesen, teilte der Aufbau Verlag Berlin gestern mit. Schon an der Feier zu ihrem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr habe sie aus diesem Grund nicht teilnehmen können. Die Dichterin selbst hat sich dazu Gelassenheit auferlegt: „Mit dem Alter muss man sich auf Situationen einstellen und nicht mit ihnen hadern.“

Buch-Tipp: „Sämtliche Gedichte“, Aufbau Verlag 2006, 837 S. 19,90 Euro.

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