Norbert Gstrein wollte mit Suhrkamp abrechnen, lässt es aber.

Norbert Gstrein hat die Erwartungen selbst angeheizt.
Norbert Gstrein hat die Erwartungen selbst angeheizt.

Norbert Gstrein hat die Erwartungen selbst angeheizt.

dpa

Norbert Gstrein hat die Erwartungen selbst angeheizt.

Berlin. Seit Wochen wurde in der Literaturszene gemunkelt über Norbert Gstreins neues Buch. "Die ganze Wahrheit" sollte der Enthüllungsroman des Sommers werden über den zuletzt von Machtkämpfen gebeutelten Traditionsverlag Suhrkamp. Am Montag ist der Roman erschienen. Der Skandal blieb aus.

Denn das neue 303 Seiten starke Werk des österreichischen Autors Gstrein ("Die englischen Jahre") ist laut "Spiegel" ein "Möchtegernschlüsselroman" - keine wirkliche Peinlichkeit und auch kein Skandal mit Ansage".

Gstrein, ein im Unfrieden geschiedener Suhrkamp-Autor, hatte bei einer Lesung vor drei Monaten selbst die Fährte gelegt. Er schildere in seinem Buch eine "Konstellation", die "an eine Konstellation im Suhrkamp-Verlag erinnert", teilte er im Literarischen Colloquium Berlin ungefragt mit.

Tatsächlich erzählt er in seinem Buch von der jungen, schönen Verlegerwitwe Dagmar, der zweiten Frau eines Buchpatriarchen, die über den Tod ihres Mannes ein Buch schreibt.

Der Fingerzeig auf Suhrkamp ist mehr als deutlich. Auch Ulla Berkéwicz-Unseld, die zweite Frau des langjährigen Suhrkamp-Herrschers Siegfried Unseld und heutige Verlagschefin, hat über den Tod ihres Mannes ein Buch verfasst ("Überlebnis", 2008).

Dem österreichischen Autor waren die Gerüchte nicht mehr geheuer

Norbert Gstrein: "Die ganze Wahrheit"; Hanser, 304 S., 19,90 Euro

"Man hat mir abgeraten, darüber zu schreiben", beginnt Gstreins Roman, "und natürlich kenne ich Dagmar lange genug, um zu wissen, was mich erwartet, wenn nur etwas von dem, was ich über sie in die Welt setze, anfechtbar ist."

Geschickt vermischt der Autor Wahrheit und Erfindung, Fakten und Fiktion. Er möchte den Leser glauben machen, es gehe um eine "echte" Wiener Verlegerin - und legt doch mit Hilfe von Gerüchten und Spekulationen viele Fährten zum Vorzeige-Verlag.

Im realen Leben hingegen versucht Gstrein seit längerem, die von ihm beschworenen Geister einzufangen. Ein Interview zum Thema Suhrkamp zog er zurück. Dem österreichischen Magazin "Profil" sagte er, mit seinem Hinweis auf das Traditionshaus habe er nur einer "möglichen Skandalisierung" zuvorkommen wollen, daraus habe sich ein "Kurzschluss" ergeben.

Der Suhrkamp Verlag in Berlin zeigte sich gestern demonstrativ gelassen. Es gebe keine Reaktion, sagte Pressechefin Tanja Postpischil. "Das ist ein Roman, der bei Hanser erscheint." Und nicht mal ein guter, denn Gstrein hängt Dagmar laut der "Welt" "mehr Klischees um, als Strohsterne an einem Weihnachtsbaum".

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