A. F. Th. van der Heijden
Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden trauert um seinen Sohn. Foto: Marcel Hemelrijk

Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden trauert um seinen Sohn. Foto: Marcel Hemelrijk

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Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden trauert um seinen Sohn. Foto: Marcel Hemelrijk

Berlin (dpa) - Der Sohn stirbt mit 21. Die Eltern sind mit dem Leben im Grunde fertig. Der Niederländer van der Heijden hat nach dem Unfalltod seines einzigen Kindes Tonio ein «Requiem» geschrieben: Ungeschützt, aufwühlend und dabei auch noch spannend.

Radikaler lässt sich Sehnsucht nach dem toten Sohn kaum formulieren. «Wir wollten den Schmerz am liebsten noch schlimmer werden lassen, weil er unsere letzte Verbindung zu Tonio ist. Wenn wir ihn nur so, über diesen schneidenden Schmerz, am Leben erhalten können, dann müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, alt zu werden.»

Pfingsten 2010 starb der 21-jährige Tonio, als er in Amsterdam mit seinem Rad bei der Heimfahrt von nächtlichem Feiern von einem Auto erfasst wurde. Der niederländische Schriftsteller A. F. Th. van der Heijden hat in den ersten Monaten danach 670 Seiten mit einem «Requiemroman» für seinen Sohn gefüllt: Als herzzerreißend schreiende Totenklage, wunderbare Erinnerungsmappe für ein viel zu kurzes Leben, nüchternes Protokoll der mit Tonios Mutter Mirjam Rotenstreich geteilten Anstrengungen, das Unerträgliche zu ertragen. Und als beunruhigende Reflexion über den Tod.

Der 60-jährige van der Heijden ist ein anerkannter, routinierter Romanautor («Die zahnlose Zeit»). Er setzt seine professionellen Fähigkeiten auch hier ein: Der verzweifelte Kampf der Eltern um Klarheit über jedes Detail des Unfallhergangs, ihre detektivische Aufklärungsarbeit, ob Tonio am Ende seines Lebens vielleicht doch noch mal verliebt gewesen ist. Ihr gemeinsamer häufiger Griff zur Flasche, um den Schmerz wenigstens etwas zu betäuben.

«Eine andere Antwort auf den schrecklichen Verlust, als über ihn zu schreiben, habe ich nicht», notiert der Vater. Ungeschützt und zugleich sprachgewaltig breitet er aus, was er an Erinnerungsschätzen mit Tonio, schönen und auch nicht so schönen, zusammentragen kann. Sein bedingungslos wirkendes Streben nach Ehrlichkeit zu Ehren des Sohnes eliminiert jede Gefahr von «Gefühlspornografie».

Umso schöner gelingen ihm die Liebeserklärungen an den Sohn. Van der Heijdens Versuch, seinen Sohn zwischen zwei Buchdeckeln für sich und die Mutter am Leben zu erhalten, mobilisiert Mitgefühl und Trauer beim Lesen jeder Seite. Noch stärker aber fordert dieses Requiem zur Selbstbefragung auf.

A. F. Th. van der Heijden: Tonio, Ein Requiemroman, Suhrkamp Verlag Berlin, 671 Seiten, 26,90 Euro, ISBN 978-3-518-42259-5

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