Tilman Jens schildert die Krankheit seines Vaters in entwürdigenden Einzelheiten.

Düsseldorf. Der Journalist Tilman Jens (54) ist bekannt für sein Vergnügen an Schmähschriften. Sein Buch "Goethe und seine Opfer" nannt er im Untertitel ganz offen "Eine Schmähschrift". Doch ist es ein Unterschied, ob man einen Dichter, an dessen literarischer Lebensleistung niemand rütteln kann, schmäht oder den eigenen Vater.

"Darf" man überhaupt über den demenzkranken Vater - dies ist der Anlass für Tilman Jens’ derzeit so heftig umstrittenes Buch - so schreiben? Zuerst als Vorabdruck in einer anrüchigen Serie in der "Bild"-Zeitung, wo die Leser, wie ein Kritiker schrieb, erste Einblicke in die Windeleimer seines Vaters erhielten. Dann nun als Buch.

Doch wer den Weg von Tilman Jens verfolgt hat, weiß, dass er in seinen Kommentaren, Büchern, Features weniger Frieden stiftete, als vielmehr lieber Gräben aufriss. Dass der Vater Walter Jens (86), einst der berühmteste linksintellektuelle Professor der Nation seit 2004 an Demenz, an Gehirn- und Gedächtnisschwund leidet und nichts mehr selbstständig tun kann, ist für seine Frau Inge und die Söhne Christoph und Tilman naturgemäß eine Katastrophe.

Und dann auch noch die NSDAP-Mitgliedskarte

Aber an Tilman Jens’ Buch ist so gut wie alles unappetitlich: Wenn er beschreibt, wie der Vater lallt, gewaschen und gewindelt werden muss, dann stehen jedem, der einen Freund oder gar Angehörigen mit vergleichbarer Krankheit hat, die Haare zu Berge. Und zu wissen, dass dies einem Menschen widerfährt, der als junger Mann über die Tragödie bei Sophokles promovierte und sich mit einer Arbeit über Tacitus habilitierte, wirkt wie Hohn.

Doch da gab es nicht nur ehrenvolle Auszeichnungen im Leben von Walter Jens, sondern, was 2003 entdeckt wurde, auch die NSDAP-Mitgliedskarte 9265911 vom 1. September 1942, eine Tatsache, die der Vater lebenslang verschwiegen hat. Oder gab es da, wie bei vielen anderen dieser Generation - Martin Walser, Walter Höllerer und Peter Wapnewski - gar nichts zu verschweigen? Es gab ja dieKollektivaufnahmen ohne Wissen.

Geboren am 8. März 1923 in Hamburg. Nach dem Abitur 1941 Studium der Germanistik und klassischen Philologie in Hamburg und Freiburg. Mitglied der Hitlerjugend, im NS-Studentenbund und in der NSDAP.

1950 Lehrstuhl für Klassische Philologie in Tübingen, später Professor für Rhetorik. Gehört zur Gruppe 47 seit seinem Roman "Nein. Die Welt der Angeklagten". Übersetzt Teile des Neuen Testaments. Mitglied im Beirat der Humanistischen Union. "Frau Thomas Mann" und "Katias Mutter" (zusammen mit Inge Jens).

Doch der Sohn traut seinem Vater nicht nur nicht. Er instrumentalisiert die Krankheit als Verdrängungsleistung vor dem politischen Skandal. Als Grund, die psychische Flucht in den geistigen Dämmer anzutreten. Doch diese Behauptung ist ebenso fragwürdig wie die häufig geäußerte Ansicht, Demenz könne geistig aktiven Menschen nicht widerfahren.

Tilman Jens wirkt enttäuscht und verbittert über den angeblichen politischen Fehltritt seines Vaters, der linken "Portalfigur meines Lebens". Will er den schwerkranken, hilflosen Mann nun vom Sockel stoßen? Aus Hass oder aus Hilflosigkeit?

Inge Jens: "Ich sehe seinem Entschwinden zu"

Bei der ersten öffentlichen Lesung aus dem Buch in Tübingen schlugen Jens am Ende unerwartet viel Sympathien entgegen. Was wohl mit einem ganz anderen Thema zu tun hat, der Krankheit selber, von der morgen jeder betroffen sein kann, und dem Thema Sterbehilfe. Walter Jens hatte einst mit dem Theologen Hans Küng das Buch "Menschenwürdig sterben" herausgegeben, das jetzt erweitert um ein Nachwort von Inge Jens neu herausgegeben wurde.

Und da stellt sich heraus, dass die "Analyse der Grenzsituationen", in der Inge Jens derzeit lebt, sie bewogen hat, das Urteil über "lebensunwert und lebenswert neu zu durchdenken, meine Vorstellungen von Würde und Glück zu differenzieren und die Nichtlösbarkeit gewisser Antinomien (Unvereinbarkeit von Gesetzen), jedenfalls für mich, zu akzeptieren". Einst hat sich das Ehepaar gegenseitig das Versprechen gegeben, den Anderen nicht einem solchen Zustand auszuliefern.

Heute fragt sich Inge Jens, wer und was sie berechtigt, jene Hilfe zu verweigern, die ein unwürdiges Leben beendet. "Ich sehe seinem Entschwinden zu", hat sie gesagt. Und sie weiß nicht, wo sich Walter Jens befindet, wenn er abends sein Wurstweckle knabbert und mit seiner Pflegerin, der schwäbischen Bäuerin Margit Hespeler, das Vaterunser betet?  

Tilman Jens: "Demenz". Abschied von meinem Vater. Gütersloher Verlagshaus, 142 S., 17,95 Euro Walter

Jens/Hans Küng: "Menschenwürdig sterben". Ein Plädoyer für Selbstverantwortung. Mit einem Text von Inge Jens. Piper Verlag, 248 S., 16,95 Euro

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